Berlin : Litauische Werbung

Ex-Präsident Landsbergis und seine Tochter in der Epiphanienkirche

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STADTMENSCHEN

Das leckere Brot, dass sich die Konzertbesucher in der lauen Sommernacht im Kirchgarten der EpiphanienGemeinde in Charlottenburg munden ließen, hatte Vytautas Landsbergis aus Litauen mit nach Berlin gebracht. Hier sprach der Pianist, Musikwissenschaftler und Ex-Staatspräsident am Freitagabend in der Epiphanienkirche zum Thema „EU-Anwärterstaaten zu Gast in Berlin“. So heißt etwas steif die Reihe der Sommernachtskonzerte in der Epiphanienkirche unter der Schirmherrschaft Klaus Wowereits. An jedem Freitag im August um 20 Uhr wird dort vor dem jeweiligen Konzert ein Land vorgestellt. Nach Tschechien, Polen und Ungarn war es jetzt Litauen; Lettland beendet die Reihe am 29. August.

Für Litauen konnte man keinen Besseren finden, als den Mann, der dort 1990 an der Spitze der Reformbewegung stand und als gewählter Präsident das Land am Nemunas, wie die Memel auf Litauisch heißt, in die Unabhängigkeit von der Sowjetunion führte. Locker und selbstbewusst plauderte der heute Europa-Beigeordneter in Straßburg vor knapp zwei Dutzend Berliner Litauenbegeisterten über den unbedingten Willen seiner dreieinhalb Millionen Landsleute, im nächsten Mai in die EU einzutreten. Das vollende den langen Weg Litauens in den Westen, den vor 750 Jahren Mindaugas als Erster betreten habe. Der 1253 gekrönte einzige König Litauens hatte mit seiner Taufe 1251 den Beginn der Christianisierung des letzten heidnischen Staates Europas markiert.

Der unglaublich jung aussehende 71-jährige Landsbergis hätte statt englisch ruhig litauisch sprechen können. Die Solistin des nachfolgenden Orgelkonzertes war seine Tochter Jurate Landsbergyte , und die spricht nicht nur perfekt Deutsch, sondern ist fast Berlinerin, so oft war sie seit der Wende hier. Zwischenzeitlich zog auch die Liebe und ein daraus resultierender zweiter Eheversuch die geschiedene und allein erziehende Mutter zweier halbwüchsiger Söhne hierher. Inzwischen ist es wieder nur noch die Epiphanienorgel mit ihren 3518 Pfeifen, die die diplomierte Organistin und Musikwissenschaftlerin aus Vilnius nach Berlin lockt. Am Freitag hatte sie ihren Sohn Gerdonis mit. Der 16–Jährige will aber nicht wie sein Bruder Vytukas die musikalische Familientradition fortsetzen – er möchte lieber malen. hema

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