Berlin : Literarisches Tohuwabohu

Jüdische Kulturtage mit Lesungen und Diskussionen

Amory Burchard

In diesem Herbst, sagt Ilja Richter, drehe er sich in einem „jüdischen Reigen“. Eigentlich lebe er ja kein jüdisches Leben. Aber jetzt kommt alles auf einmal: Am Frankfurter Theater am Turm probt er gerade für den Kaufmann von Venedig. Richters Rolle: „Shylock, ein Jude“. Zwischen den Proben kommt er zu den Jüdischen Kulturtagen nach Berlin, die gestern begonnen haben. Zwei Mal ist Ilja Richter in diesem Jahr dabei: mit seinem Programm „Happy Birthday Georg Kreisler“ und – gemeinsam mit Iris Berben – bei einer Lesung aus „Tohuwabohu“.

In diesem Berlin-Roman von Sammy Gronemann, der zuerst 1920 erschien und vor zwei Jahren als literarische Sensation wiederentdeckt wurde, geht es um die Schwierigkeit, ein Jude in Deutschland zu sein. „Tohuwabohu“ bezeichnet das Durcheinander in der jüdischen Seele zu jener Zeit. Gronemanns Roman handelt von den Schwierigkeiten, in Deutschland ein orthodoxer Jude aus dem Osten, ein assimilierter Jude oder gar ein zum Christentum Konvertierter zu sein. „Sehr komisch ist das“, kommentiert Richter, „was Juden so tun, wenn sie versuchen, den lieben Gott zu bescheißen, ohne ihn zu verraten.“

Ein kurzes Ilja-Richter-Lachen, dann knipst er gleich wieder auf Ernst: „Ob es heute eine jüdische Literatur in Deutschland gibt? Es gab eine.“ Alle jüdische Kultur nach dem Holocaust könne nur ein Bruchteil des reichen Lebens sein. Eine Hand voll Autoren, wie sie die Kulturtage präsentieren, mache noch kein neue jüdische literarische Welt. Aber er freue sich natürlich, wenn Publizisten wie Rafael Seligmann wieder etwas Schönes geschrieben haben.

Seligmann hat eine Erzählung geschrieben für die Kulturtage: „Hitlers Patensohn“. Es ist ein autobiografischer Text: Seligmann erzählt, wie Adolf Hitler seine Eltern zusammenbrachte, weil er sie nach Palästina vertrieb, und wie der „Führer“ schließlich bei der Beschneidung des kleinen Rafael Pate stand und immer dabei blieb: als allgegenwärtiger böser Geist im Leben der überlebenden Juden und ihrer Kinder. Ein weiteres Auftragswerk der Kulturtage stammt von Maxim Biller.

„Elsbeth liebt Ernst“ ist keine deutsch-jüdische Love-Story, sondern das beklemmende Protokoll einer unmöglichen Beziehung. Ebenso verstörend ist Yoram Kaniuks neues Buch, aus dem er bei den Kulturtagen liest. In „Der letzte Berliner“ schildert er seine unerfreulichen Begegnungen mit nichtjüdischen Deutschen. Michael Degen liest schließlich aus seinem in diesem Jahr erschienen Roman „Blondi“.

Hier geht es um Hitlers Schäferhund, der aus einem jüdischen Zwinger stammt, und nach dem Krieg in Wien wiedergeboren wird. „Tohuwabohu“ heute, aber die Kulturtage wollen Autoren und Publikum nicht miteinander alleinlassen: Bei Seligmann moderiert Maybrit Illner, nach der Gronemann-Lesung kann mit Rabbiner Ady Assabi diskutiert werden.

Yoram Kaniuk liest heute um 20 Uhr im Renaissance-Theater, Rafael Seligmann am Dienstag um 20 Uhr im Centrum Judaicum. Ilja Richter und Iris Berben lesen am Mittwoch um 19 Uhr im Berliner Ensemble, Michael Degen am Sonnabend um 20 Uhr im Jüdischen Gemeindehaus und Maxim Biller am Sonntag um 21 Uhr in der Schaubühne. Ilja Richters Kreisler-Programm gibt es am Sonntag um 16 Uhr in der Komödie am Ku’damm zu sehen. Kartenbestellung unter 88028 252 und bei Ticket Online Schaltern.

0 Kommentare

Neuester Kommentar