Berlin : Live auf der Weltbühne

200000 Fans kamen auf die Straße des 17. Juni, um im Zwanzigminutentakt die Stars der Live-8-Konzerte zu feiern. Kritik an Wowereit

Ariane Bemmer

Eine Freiluftparty lang wie ein Arbeitstag – knapp neun statt der geplanten sechs Stunden läuft das Konzertereignis des Jahres, als Grönemeyer weit nach 22 Uhr Uhr auf die schwarze Bühne kommt. Doch die 200000 auf der Straße des 17.Juni sind des Feierns auch jetzt noch nicht müde, Herbert wird am Ende ebenso begeistert bejubelt wie die 21 Stars im Zwanzigminutentakt zuvor.

Hundert junge Leute waren schon morgens da, viele trugen T-Shirts von den Toten Hosen, der Band, die als erste unter der glänzenden Viktoria auftritt. Vom hellgrauen Himmel scheint ein bisschen Sonne und die Leinwände, die am Straßenrand stehen, zeigen hungernde Kinder in Afrika. Da hören manche Fans auf zu reden. Stimmt ja – es geht nicht nur um Musik hier, es geht um Politik.

Afrika, das sind 53 Staaten, 30 davon gehören zur Gruppe der am höchsten verschuldeten Länder der Welt. Damit diese Schulden gestrichen werden, gibt es Live 8, parallele Live-Konzerte in neun Ländern. Im Tiergarten ist es ein minutiös geplantes Spektakel, dessen Ablaufplan wegen der Umbauzeiten zwar bald aus dem Ruder läuft, das Publikum aber mitreisst.

„Ich glaube, dass die Welt sich noch mal ändern wird“, singt Campino, der Sänger der Toten Hosen, und die Zehntausende, die auf dem Asphalt stehen, ins Gebüsch abgedrängt werden, in den Park flüchten, singen mit. „Wünsch’ Dir was“, heißt das Lied. Wie für diesen Tag gemacht. Nach dem Auftritt sagt Campino, dass Wowereit ein Idiot ist. Weil der Regierende Bürgermeister sich nicht darum gekümmert hat, einen besseren Ort für dieses Konzert zu finden als diese viel zu schmale Straße. Überall schlängeln sich Menschen lang, hinter den Wurstbuden, den Dixiklos, über die Anhängerkupplung des Bierwagens, durchs Gestrüpp, und dann ist da wieder ein Zaun und kein Durchkommen.

Anne Will, die sonst die Tagesthemen moderiert, kündigt die Bands an und macht Interviews. Also spricht Campino: Die armen Länder müssen aus dem Schwitzkasten der reichen befreit werden, die Mächtigen seien schon dabei, einzuknicken, man müsse sie schubsen. Es geht um den G-8-Gipfel vom 6. bis 8. Juli, zu dem sich die Staats- und Regierungschefs der sieben führenden Wirtschaftsnationen plus Russland treffen.

Es ist warm, die meisten Leute sind jung. Ein paar Mal klatschen sie und kreischen, als Anne Will von der Bühne ruft: Ihr seid hunderttausend!

Später heißt es 150000. Und als Silbermond auftritt, da sollen die alle springen, und das tun sie auch. Live 8 ist für die vielen Besucher vor allem eine riesige Open-Air-Feier bei schönem Wetter mit tollen Bands. Silbermond-Sängerin Stefanie Kloß freut sich über die vielen Optimisten, die gekommen sind. Optimisten, die denken, dass sie was ändern können. So wie sie. BAP und die Söhne Mannheims haben etwas in der Art gesagt.

Was man im Publikum sieht: Digitalfotoapparate, Videokameras, Handys mit Kamera. Am Rande liegen Rennräder, Moutainbikes, Allterrainbikes. Darf man denken, was das alles wert ist? Auch wenn man es nicht vergleichen kann: In Äthiopien beträgt das Bruttosozialprodukt pro Kopf 100 Dollar im Jahr, in Deutschland 22740 Dollar. Der G-8-Gipfel findet im Hotel Gleneagles in Perthshire, Schottland, statt, das ist ein „Five Red Star Golf Resort“. Zimmer kosten ab 395 Euro, Suiten bis 2650 Euro die Nacht.

Der Komiker Michael Mittermaier sagt auf der Bühne, die Deutschen meckern so viel. Er fordert dazu auf, die Genfer Flüchtlingskonventionen aufs deutsche Fernsehen anzuwenden, weil die Folter verbieten. Hier hätte man vielleicht vergleichen müssen: In Afrika wird gefoltert. Ist das hier eine Demonstration oder eine Party?

Es müsste mehr Leinwände geben, sagen einige im Publikum. Die müssten anders stehen, größer sein. Wer nicht vorne steht, sieht von der Bühne nichts, von den Leinwänden wenig. Also auch nicht, wie es in London ist, in Rom oder Philadelphia. Die auf der Straße des 17. Juni sind nicht länger Teil des Projekts, nur Zuschauer allein in Berlin. Aber sie jubeln.

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