Berlin : Live aus dem Schlachthof

„Wir machen nicht mehr nur Knüppelpunk“, sagt Arnim, der Sänger der „Beatsteaks“. Heute Abend gibt die Band aus Berlin ein Konzert im SO 36

André Görke

„Wie kannst du bei den Beatsteaks nur ruhig sitzen bleiben, wenn dir doch Schlagersänger Tränen in die Augen treiben ...“

(Die Ärzte in ihrem Song „Unrockbar“; erschienen im Herbst 2003 auf „Geräusch“)

Und plötzlich hing Arnim an der Holzbalustrade, drei Meter über dem Boden, bereit zum Absprung. „Ist der wahnsinnig?“ fragte ein Mann im Publikum, dann segelte der Sänger der Beatsteaks auch schon hinab, drei Meter tief, in die Arme der Fans.

München, Samstagnacht. Das „Backstage“, ein Club im Münchner Industrieviertel, war ausverkauft; wie schon zuvor das Konzert in Hamburg und Köln. „Juten Abend, München, wir sind die Beatsteaks – aus Berlin!“, rief Arnim. Kurz darauf erreichte die Luftfeuchtigkeit im „Backstage“ etwa das Niveau einer türkischen Dampfsauna. Ärzte-Sänger Farin Urlaub hat vor einigen Monaten mal über die Berliner gesagt: „Live kann denen kaum einer das Wasser reichen.“

Das war ein schönes und vor allem werbewirksames Kompliment für die Beatsteaks, die sich selbst nicht erinnern, wie sie auf den Bandnamen gekommen sind. Bislang sind die Berliner nur Szenekennern ein Begriff. Sie werden auf „Radio Fritz“ gespielt und in Magazinen wie „Uncle Sallys“ gefeiert. „Aber der ganz große Durchbruch ist uns bundesweit noch nicht gelungen“, sagt Sänger Arnim Teutoburg-Weiß, 29. „Wir denken, dass es mit unserer neuen Platte klappt.“ Die erscheint am 1. März; am selben Abend werden sie auf Fritz ein Radiokonzert geben. Und heute Abend spielen sie live im S0 36 in der Kreuzberger Oranienstraße. Das Konzert ist seit Wochen ausverkauft.

So ein bisschen ist es mit den Beatsteaks aus Berlin-Mitte wie mit den Sportfreunden Stiller aus München. In der Musikszene beliebt und verehrt, der breiten Öffentlichkeit aber unbekannt. Auch das macht sie symphatisch. Dabei haben die fünf Berliner eine steile Karriere hingelegt: 1995 gründeten sie sich in einem Keller in der Neuen Schönhauser Straße, ein Jahr später waren sie die Vorband der Sex Pistols. Im Laufe der Jahre spielten sie vor den Ärzten und sind heute eine der wichtigen Bands bei Festivals wie Rock im Park und Rock am Ring. Die Verehrung geht sogar so weit, dass Bela B., der Schlagzeuger der Ärzte, sie zu seiner privaten Geburtstagsfeier nach Hamburg einlud und darum bat, bitte ein paar Lieder live zu spielen.

Mal Swing, mal Punk. „Wir machen Rocksuppe, von allem ein bisschen“, erzählte Sänger Arnim vor fünf Wochen, als die Band ein paar Freunde in den Berliner Club „Silver Wings“ lud. Bei einem Bier durfte die Runde schon mal die neuen Lieder hören. Basslastiger und rhythmischer ist „Smacksmash“ geworden. Und erwachsener. „Wir machen nicht mehr nur Knüppelpunk“, sagt Arnim, „und ich habe zum ersten Mal über die Liebe gesungen.“ Folgt man seinem Vergleich, dann spielen die Beatsteaks keine Rocksuppe, sondern eher Eintopf. Schön deftig jedenfalls.

Diese Show! Diese Leidenschaft! Wenn Arnim, den jeder mit seinem Vornamen anspricht, seinen Hut ins Gesicht zieht, dann dauert es nicht lange, bis er zum großen Gitarrenkoffer greift und darauf stehend über die Hände der Fans surft. „Other Bands play – Manowar kill!“ singt er. Ein Coverlied, aber ein richtig gutes. Auch deshalb pflegt Ärzte-Sänger Farin Urlaub den abgewandelten Spruch: „Other Bands play – Beatsteaks rock!“

Ende März gehen sie wieder auf Tour: London, Zürich, Amsterdam. Nur ein weiteres Konzert in Berlin stand bisher nicht im Kalender. Aber seit gestern ist klar: Am 7. Mai geben die Beatsteaks im „Columbia-Fritz“ am Flughafen Tempelhof ihr Abschlusskonzert.

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