Live-Blog : Rückblick: Was am 1. Mai 2010 passierte

1. Mai 2010 in Berlin: Hier haben wir über die Ereignisse des Tages und des Abends gebloggt - und uns über viele Leserreaktionen gefreut.

von , , , , und Thorsten Scheimann
Für die Beweisführung in späteren Prozessen wird mitgefilmt.
Für die Beweisführung in späteren Prozessen wird mitgefilmt.Foto: dpa

23.35 Uhr: Eine Gruppe aus Autonomen, deutschen, türkischen und arabischen Jugendlichen und alkoholisierten Krawalltouristen liefert sich auf der Kottbusser Straße immer wieder kleinere Scharmützel mit einem massiven Polizeiaufgebot. Derweil feiern ausgelassene Menschen in den anderen Teilen Kreuzbergs und Neuköllns lieber fröhlich den ausklingenden ersten Mai. Beides dürfte noch bis tief in die Nacht weitergehen.

23.05 Uhr: Auf der Kottbusser Straße haben sich anscheinend noch einmal die versprengten Randalierer gesammelt. Um etwa 22:30 warfen Vermummte massiv Steine auf Polizeibeamte an der Kottbusser Brücke. Nach Angabe von Sanitätern wurde dabei ein Notarzt durch einen Treffer am Kopf verletzt. Außerdem zündeten die Autonomen zwei Container und einen Müllbehälter an. Die Einsatzkräfte riegelten daraufhin die Straße in Richtung Kottbusser Tor mit einer Polizeikette und drei Wasserwerfern ab. Die Lage ist angespannt, hat sich aber wieder beruhigt.

22.50 Uhr: Die Polizei meldete, dass gegen 19:00 Uhr eine rechte Spontanversammlung mit etwa 150 Teilnehmern für das Potsdamer Stadtgebiet angemeldet worden ist. Aufgrund der konkreten Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung im Zusammenhang mit der vorherigen Demonstration in Berlin wurde diese Spontanversammlung jedoch verboten. Die Neonazis, die aus Berlin mit dem Zug in Potsdam ankamen, wurden am Verlassen des Bahnhofsbereichs Potsdam gehindert und durch die Bundespolizei in Zügen bei der Weiterreise begleitet.

22.30 Uhr: Die Polizei meldet, dass einer ihrer Beamten verletzt worden sei und mit dem Krankenwagen abtransportiert werden musste. Er soll in die Feuerwache in der Wiener Straße gebracht worden sein. Möglicherweise habe der Beamte im Bereich der Wiener Straße einen Messerstich in den Rücken abbekommen, hieß es zunächst. Das wird kurz darauf dementiert. Weiteres zu dem Vorfall wird zunächst nicht bekannt.

21.55 Uhr: In der Michael-Brückner-Straße in der Nähe des S-Bahnhofs Schöneweide haben sich gegen 21:00 Uhr 50 Rechtsradikale versammelt. Sie wollten mit insgesamt 200 Personen in einer spontanen Demonstration in den Stadtteil Rudow ziehen. Es blieb jedoch bei den 50 Neonazis, die die Polizei dann bis zur rechten Szenekneipe "Zum Henker" leitete. "Damit sind die von der Straße weg", kommentierte ein Sprecher der Polizei.

21.45 Uhr: An der Ecke von Reichenberger und Ohlauer Straße - nicht weit vom bei ihnen verhassten Nobelwohnprojekt "Carloft" entfernt - errichten Linksautonome eine Barrikade und zünden sie an. Anders als bei den Attacken zuvor ist die Polizei diesmal nicht sofort präsent.

21.10 Uhr: Die Situation hat sich wieder etwas entspannt. Es kommt zwar immer wieder zu kleineren Rangeleien zwischen gewaltbereiten Linken und den Einsatzkräften auf dem Spreewaldplatz und der Wiener Straße, aber eine größere Eskalation konnte bis jetzt verhindert werden. Durch das gezielte und schnelle Eingreifen der Polizei gelingt es den Randalieren nicht, ihre einzelnen Aktionen auf einen Ort zu konzentrieren.

20.45 Uhr: Bis jetzt bleibt es bei kleineren Randalen, die hauptsächlich von schwarz Vermummten ausgehen. Die breite Masse scheint sich nicht mitreißen zu lassen. Trotzdem werden immer wieder Unbeteiligte mit ins Geschehen gezogen, wenn Polizei und Randalierer aneinander geraten.

20.20 Uhr: Auf dem Spreewaldplatz fliegen vereinzelt die ersten Steine, Flaschen und Feuerwerkskörper in Richtung der Polizisten. Ein Teil der schwarzgekleideten Fraktion beginnt sich zu vermummen und scheint unbedingt etwas veranstalten zu wollen. Die Polizei reagiert prompt und versucht in kleinen Gruppen die Krawallmacher aus der Masse zu ziehen. Es kommt zu ersten Festnahmen. Insgesamt ist der Spreewaldplatz quasi abgeriegelt, da Einsatzkräfte in allen umliegenden Straßen stehen.

Polizisten verfolgen Randalierer in der Skalitzer Straße in Kreuzberg.
Polizisten verfolgen Randalierer in der Skalitzer Straße in Kreuzberg.Foto: dpa

19.50 Uhr: Angekommen. Die Teilnehmer der "Revolutionären 1. Mai"-Demonstration erreichen den Spreewaldplatz ohne größere Zwischenfälle, dafür aber mit einem Rekord. An der Demonstration haben laut Polizeiangaben 10.000 Teilnehmer teilgenommen - doppelt so viele wie im vorigen Jahr. Kurz nach Beginn zünden Vermummte auf einem Hausdach an der Ecke Kottbusser Damm/Urbanstraße Feuerwerkskörper und versprühen den Inhalt eines Feuerlöschers. Sonst bleibt es ruhig. Die Stimmung ist nach dem Erfolg der Gegendemonstration im Prenzlauer Berg aufgekratzt. In der Wiener Straße reihen sich die Polizisten auf, die bis auf Hasssprechchöre bisher weder Steine noch Flaschen abbekommen haben. Das verordnete Alkoholverbot ist jedoch ein frommer Wunsch geblieben.

Den besten Logenplatz hat sich dieser Mann ergattert. Völlig ungerührt schaut er sich die Krawall-Szenen mit an.
Den besten Logenplatz hat sich dieser Mann ergattert. Völlig ungerührt schaut er sich die Krawall-Szenen mit an.Foto: dpa

19.20 Uhr: Die Demonstration bewegt sich langsam den Kottbusser Damm entlang Richtung Süden und wird an der Spitze vom schwarzen Block dominiert. In Sprechchören skandieren sie "Alerta Alerta", "Antifascista" und "Antikapitalista". Polizisten säumen den Weg der Demonstranten und setzen auf optische Präsenz.

19.00 Uhr: Die mehreren Tausend Teilnehmer der Demonstration setzen sich in Bewegung. Die Polizeiführung schätzt etwa 300 als gewaltbereit ein, 600 gelten als gewaltgeneigt. Insgesamt sind das weniger als im vergangenen Jahr, als die Demonstration schon nach zehn Minuten eskalierte. Weit vorne kann man ein Plakat mit der Aufschrift "Klasse gegen Klasse" sehen. Diese Gruppe hatte im März 2009 Buttersäureanschläge auf Restaurants in Friedrichshain verübt, um so gegen die Gentrifizierung zu kämpfen.

18.30 Uhr: In Kreuzberg beginnt die Kundgebung der "Revolutionären 1. Mai"-Demonstration am Kottbusser Tor. Während der Rede der Antifaschistischen Aktion ist die Stimmung gelassen. Das Bier wird aus Pappbechern statt wie sonst aus Flaschen getrunken. Ein Ergebnis des diesjährigen Flaschenverbots, was von den meisten anscheinend akzeptiert wird. Viele der Anwesenden scheinen von den Gegendemonstrationen der Neonazi-Demo direkt nach Kreuzberg gefahren zu sein. S- und U-Bahnen vom Prenzlauer Berg nach Kreuzberg waren teilweise überfüllt. Anders als im Vorjahr war kein Zug durch das Gelände des Myfestes geplant, wo dieses Jahr wieder über 10 000 Menschen feiern.

18.00 Uhr: Die Bilanz der Neonazis in Berlin ist gemischt. Dass die angemeldete Demonstration in Prenzlauer Berg umkehren musste, bevor sie die Schönhauser Allee erreichte, müssen die Rechten als Niederlage abschreiben. Am Ku'damm jedoch gelang es den Rechtsextremen, die Polizei zu überrumpeln. Ein kleinen Erfolg konnten sie letztendlich also doch für sich verbuchen.

17.30 Uhr: Die Demonstration der Neonazis ist offiziell beendet. Ein Angebot, noch eine Kundgebung auf dem Parkplatz vor der Bösebrücke zu machen, lehnten die Veranstalter ab. Nun werden die Teilnehmer wieder zu den Zügen eskortiert. Alleine lassen will man die Neonazis aber nicht. Sie sollen nicht, wie auf der Hinfahrt am Ku'damm geschehen, gesammelt irgendwo anders in der Stadt aussteigen können. Der Anmelder der Demonstration, Sebastian Schmidtke, hat offensichtlich selbst angeboten, die Route wieder zurückzugehen. Die Polizei hatte ihn auf die Gefahren hingewiesen, die bei einer Weiterführung der Demonstration auf der ursprünglichen Route bestanden hätten. Dies bestätigte ein Sprecher der Polizei. Die Gegendemonstranten reagierten schnell auf die Routenänderung der Demonstration. Als die Neonazis wieder in Richtung der Bösebrücke marschierten, passierten sie ein Plakat an einer Laterne mit der Aufschrift "Und Tschüss!"

16.40 Uhr: Rückzug. Die Demo der Rechtsextremen muss auf Höhe der Seelower Straße umdrehen. Noch auf der Bornholmer Straße machen die Demonstranten kehrt, ohne die Schönhauser Allee erreicht zu haben. Die Sicherheit der Demonstration hätte aufgrund der hohen Zahl an Gegendemonstranten nicht gewährt werden können, so der Einsatzleiter der Polizei, Michael Knape. Gegendemonstranten und Anwohner auf den Balkonen brechen in Jubel aus und rufen "Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen" wie im Fußball-Stadion. Bisher scheint es, als würden die Neonazis resignieren und den Anweisungen der Polizei folgen. Doch die Beamten sind vorsichtig. Zu Recht. Einige Ordner der Rechtsextremen stoßen Journalisten zur Seite. Die Polizei greift aber ein. NPD-Politiker Thomas Wulf heizt die Stimmung mit Sprüchen über die angeblich "politische Polizei" und die "linke Journaille" an.

15.55 Uhr: In Kreuzberg feiern unterdessen tausende Menschen ein friedliches Myfest. Schon während der Veranstaltung wird rund um das Kottbusser Tor, der Oranienstraße und dem Mariannenplatz für Ordnung gesorgt. Die Polizei verteilt Postkarten mit der Aufschrift "Halte Deinen Kiez sauber" und Anwohner in orangefarbenen T-Shirts sammeln herumliegende Flaschen in extra dafür bereitgestellte Container.

Der Aufzug bleibt friedlich, doch nach dem Ende der Demonstration fliegen am Spreewaldplatz die ersten Steine.
Der Aufzug bleibt friedlich, doch nach dem Ende der Demonstration fliegen am Spreewaldplatz die ersten Steine.Foto: ddp

15.40 Uhr: Wolfgang Thierse und Günter Piening wurden von der Polizei sanft hochgezogen und an die Seite geführt. Nach einer Durchsage der Polizei hätten sie das Feld freiwillig geräumt, weswegen ihnen keine Strafverfolgung drohe. Thierse steht weiter am Rand der Demo. "Die Beamten erfüllen ihre polizeiliche und wir tun unsere staatsbürgerliche Pflicht", sagte er zu der Aktion. Die restliche Gruppe aus etwa zehn Politikern und 20 anderen Personen blieb zunächst sitzen und wurden dann doch von der Polizei zum Aufstehen bewegt. Auch sie haben die Straße nun geräumt.

15.30 Uhr Neues von den Neonazis am Ku’damm: Seit 14:30 Uhr ist die Polizei dabei, die Rechtsextremen einzeln in die Gefangenentransporter zu bringen. Nach Angaben eines Polizeisprechers waren die Gruppen zu der angemeldeten Demo unterwegs und stiegen unvermittelt aus. Die sächsischen Polizisten, die den Rechtsextremen als Begleitung zugeteilt waren, versuchten sie aufzuhalten und wurden sofort mit Flaschen beworfen. Lob kam trotzdem von der Berliner Polizei: Die sächsischen Kollegen hätten gut reagiert und die kurzzeitige Randale sofort gefilmt. Entgegen ersten Angaben stammte ein Großteil der Neonazis auf dem Ku’damm aus Berlin. Die Aktion war also wirklich geplant. Die Anwohner folgen den Festnahmen mit einer Mischung aus Entsetzen und Erleichterung.

15.30 Uhr: Nachdem die Gruppe der vornweg laufenden Politiker aufgefordert wurde, sich von der Demonstrationsroute zu entfernen, haben sich die Personen kurzerhand auf die Straße gesetzt und blockieren nun die Demonstration. In scharfem Ton hat der Einsatzleiter der Polizei, Michael Knape, die Politiker namentlich ermahnt "im Interesse eines friedlichen Demonstrationsablaufes" die Blockade aufzulösen. Ansonsten drohe ein Strafverfahren. Thierse & Co bleiben trotzdem sitzen. Um sie hat sich eine Traube von Journalisten und Fotografen gesammelt. Wird die Polizei eingreifen?

Das war der 1. Mai in Berlin
Aufgeheizte Stimmung. Die Traditionsrandale fiel am 1. Mai 2009 besonders heftig aus. Die Justiz reagierte darauf mit demonstrativer Härte.Weitere Bilder anzeigen
1 von 56Foto: dapd
01.05.2010 21:07Aufgeheizte Stimmung. Die Traditionsrandale fiel am 1. Mai 2009 besonders heftig aus. Die Justiz reagierte darauf mit...

15.15 Uhr: Der Zug kommt ins Stocken, da sich immer wieder kleine Sitzblockade bilden, welche aber direkt von der Polizei aufgelöst werden. Auch befinden sich immer noch potentielle Gewalttäter auf den Dächern. Auf zahlreichen Balkonen entlang der Bornholmer Straße haben sich Anwohner versammelt und versuchen die Neonazis mit Kuhglocken, Geschirrgeklapper und lauter Musik zu übertönen.

15.00 Uhr: Im Prenzlauer Berg setzt sich die rechte Demo in Bewegung. Die Einsatzleiter sind sich noch nicht sicher, ob sich die Nazis mit der verkürzten Route zufrieden geben werden. Unterdessen läuft vor dem Zug eine Gruppe von prominenten Politikern, darunter Wolfgang Thierse, der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening, der Pankower Bezirksbürgermeister Matthias Köhne und der ehemalige Senator für Justiz des Landes Berlin Wolfgang Wieland von den Grünen. Sie tragen Plakate mit der Aufschrift "Berlin gegen Nazis" und stehlen den Rechtsextremen regelrecht die Show. Kurz vor Beginn des Marsches hatte es noch so ausgesehen, als könnte sich die Demo weiter verzögern. Auf den Dächern entlang der Route sind Personen gesichtet worden, die auch mit Steinen warfen.

Myfest 2010
Rund um das Kottbusser Tor, die Oranienstraße und den Mariannenplatz herrscht am Samstagnachmittag Ausgelassenheit.Weitere Bilder anzeigen
1 von 21Foto: dpa
01.05.2010 16:56Rund um das Kottbusser Tor, die Oranienstraße und den Mariannenplatz herrscht am Samstagnachmittag Ausgelassenheit.

15.00 Uhr: Der Deutsche Gewerkschafts-Bund gibt die Teilnehmerzahlen seiner 1.-Mai-Demo durch Mitte bekannt - und zwar nach Verkehrsmitteln gestaffelt: Über 6000 Menschen haben sich beteiligt, darunter 100 Radler, über 80 Motorradfahrer und einige Inline-Skater. Beim Maifest auf der Straße des 17. Juni waren demnach 12.000 Menschen. Das Motto der Kundgebungen: „Wir gehen vor! Gute Arbeit – Gerechte Löhne – Starker Sozialstaat“ Die Veranstalter zeigen sich zufrieden, vermuten allerdings auch, dass von Anfang an einige Gewerkschafter nach Prenzlauer Berg gefahren sind, um gegen die Neonazis zu demonstrieren. Nach der DGB-Demo haben sich dann aber auch noch einige mit spontan organisierten Bussen nach Prenzlauer Berg aufgemacht.

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