Live-Protokoll : So erlebte Berlin den 1. Mai

Nachdem die "Revolutionäre 1.-Mai-Demo" wegen Randale vorzeitig beendet wurde, flogen am Kottbusser Tor die Steine. Nach Mitternacht beruhigt sich die Lage langsam. Auch, weil die Guerilla-Taktik der Polizei funktioniert. Das Myfest ist sowieso die ganze Zeit über fröhlich weiter gegangen. Tagesspiegel-Reporter berichten von den Ereignissen am 1. Mai in Berlin.

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Das Feuer ist aus. Hoch her ging es am Kottbusser Tor. Polizei und Autonome lieferten sich ein Katz-und-Maus-Spiel. -Foto: ddp

0:30-1:30 Uhr, Oranienstraße, Kreuzberg

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Noch ist es nicht vorbei. Die Partypeople auf der inzwischen stark vollgemüllten Oranienstraße solidarisieren sich mit den Randalekids, grölen "Fuck the Police!" und werfen doch nochmal die eine oder andere Bierflasche auf die Polizei. Die Beamten sind massiv präsent, haben alle vier Ecken der Kreuzung Adalbert-/Oranienstraße besetzt. Noch spielt an einigen Stellen Musik, haben die Kneipen geöffnet, sind Leute unterwegs. Die Krawalleure sind inzwischen allgemein ziemlich angetrunken, haben glasige Augen, unser Reporter berichtet, es werde inzwischen nicht einmal mehr gegen Wände gepinkelt, sondern vor sich hin auf den Gehsteig. "Die guten Sitten des Abendlandes lösen sich langsam auf." Beißender Rauch liegt in der Luft, in einer Nebenstraße hat Müll gebrannt. Die Polizisten sind genervt, haben sichtlich genug. Aber der Abend kann sich noch hinziehen. Es ist schließlich Wochenende. (Trotzdem war dies der letzte Eintrag. Aktuelles und Hintergründe in wenigen Stunden auf  Tagesspiegel.de!)

23:55 Uhr, Oranienstraße, Kreuzberg. Zwar gibt es auf der Adalbertstraße zwischen Kottbusser Tor und Oranienstraße insgesamt drei Brandherde, darunter der angeschmurgelte Müllcontainer und zusammengekratzter Müll. Von brennenden Barrikaden ist das aber weit entfernt, von den Mai-Ausschreiungen vergangener Jahre auch. Außerdem sind die Kokelstellen von der Polizei gesichert. "Die Randalestimmung lässt allmählich nach," stellt der unermüdliche Tagesspiegel-Reporter Frank Jansen fest. An der Kreuzung Adalbert-/Oranienstraße vermischen sich die Krawalleure mit den Partypeople vom Myfest, das links und rechts mit unverminderter Fröhlichkeit andauert.

Video
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1. Mai: Krawall in Kreuzberg


23:10 U

hr,

Adalbertstraße, Kreuzberg

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Ein weiteres Zwischenfazit von Tagesspiegel-Reporter Frank Jansen: Die Polizei hat die laut Agenturmeldungen rund 300 Randalierer mit deren eigenen Waffen geschlagen - indem sie eine Art Guerilla-Taktik fuhr. Keine Wasserwerfer, keine Sirenen, kein flackerndes Blaulicht, keine dröhnenden Transporter. Die Kräfte zeigen nicht überall Präsenz, walzen nicht alles nieder. Sie sind zwar dick gepanzert und behelmt, mit Tonfas und Reizgas ausgestattet, Schilde tragen sie aber nicht. So sind sie hochmobil und können gezielt und in kleinen Gruppen sofort eingreifen, wenn Gewalt losbricht. So bekommen Randalierer zu keinem Zeitpunkt die Chance, die Oberhand zu gewinnen. Allerdings, berichtet Jansen, sehe man den Beamten - und Beamtinnen - die Belastung durchaus an. "Die sind ganz schön verschwitzt unterm Helm." Ins ganz Berlin waren an diesem Abend etwa 5000 Polizisten im Einsatz, darunter Unterstützungskräfte aus anderen Bundesländern und von der Bundespolizei.

23:10 Uhr, Adalbertstraße, Kreuzberg. Der Müllcontainer brennt jetzt doch. Dazu wird lautstark "Alle Bullen sind Schweine!" skandiert. Das Gefährliche sind die herumfliegenden Flaschen, die auch dann noch aus der Menge auf die Polizisten geworfen werden, wenn die gerade einen Randalierer abführen. Dass dieser genauso wie die Polizisten getroffen werden könnte - offenbar egal.

23:02 Uhr, O2-Arena, Friedrichshain. Das griechische Basketball-Derby ist entschieden: Panathinaikos gewinnt am Ende 84:82, woraufhin die Piräus-Fans rasch die O2-World verlassen - nicht ohne zuvor noch einige Halsabschneider-Gesten in Richtung ihrer Widersacher zu machen. Die Panathinaikos-Fans feiern ausgelassen in der Halle. Die Polizei ist mit etwa 700 Beamten präsent, um zu verhindern, dass Basketball-Hooligans zu Berliner Mai-Randalierern stoßen.

23:00 Uhr, Adalbertstraße, Kreuzberg. Eine kleine Krawallmeute hält sich hartnäckig in der Adalbertstraße, die Polizei greift immer mal wieder ein. Ein paar Krawallkids ziehen einen Müllcontainer auf die Straße, versuchen ihn anzuzünden. Zwei Polizisten stürmen vor, schubsen die Jungs weg, ziehen sich zurück. Der Mob besteht hauptsächlich noch aus Abenteuerlustigen mit Bierflasche in der Hand. "Jung, stark, doof, besoffen", fasst Tagesspiegel-Reporter Jansen zusammen. Kein ernsthaft gefährliches Randalepotential, nur noch ein bisschen Katz-und-Maus, bis alle müde sind.

22:45 Uhr, Adalbertstraße, Kreuzberg. Ist die Luft raus? Die Polizei hat das Feuer in der Adalbertstraße umstellt und damit unschädlich gemacht, zwischendurch brannte noch ein Abfalleimer, aber auch da war die Polizei schnell zur Stelle. Am Kottbusser Tor sind kaum noch Leute, nur in der Adalbertstraße ist noch etwas krawallträchtiger Betrieb. Steine fliegen im Moment nicht, vereinzelt kracht ein Böller, gibt es Gerenne und "Haut ab!"-Rufe. Die Hardcore-Fraktion scheint sich verabschiedet zu haben.

22:15 Uhr, Adalbertstraße, Kreuzberg. Es brodelt noch, die Randale zieht in Richtung Myfest. In der Adalbertstraße brennen ein paar Absperrgitter, Baumaterial, herumliegender Müll. Die Polizei hat den Zugang zur Oranienstraße abgeriegelt, lässt die Zündler vorerst gewähren, dann geht das Katz- und Maus-Spiel wieder los.

21:55 Uhr, O2-Arena, Friedrichshain. In der O2-World ist die erste Halbzeit des Spiels zwischen den beiden griechischen Teams Panathinaikos Athen und Olympiakos Piräus zu Ende. Der Lärm ist ohrenbetäubend, aber Zwischenfälle blieben aus. Offenbar ist es den Ordnungskräften gelungen, wirklich sämtliche Wurfgeschosse und Feuerwerkskörper, die sonst zum Arsenal der griechischen Fans gehören, an den Eingängen zu beschlagnahmen. Dafür rauchen die Griechen wie die Schlote - und Scharen von ihnen verfolgen das Spiel mit freiem Oberkörper.

21:55 Uhr, Kottbusser Tor, Kreuzberg. Zwischenfazit des Tagesspiegel-Reporters Frank Jansen: Mit ihrer rigiden Kleingruppentaktik schafft es die Polizei bisher gut, die Gewalt "abzuwürgen". Wenn sich ein Schwerpunkt bildet, stürmen die Beamten sofort "mit Gebrüll" hinein, versprühen Reizgas und greifen sich einige Leute heraus - oder auch nicht. Ziel ist offenbar vor allem, die Randalierer zu zerstreuen. Das Rondell am Kottbusser Tor ist zwar von Flaschen, Scherben und Steinen übersät, aber es konnten keine Barrikaden errichtet werden, haben keine Autos gebrannt.

2009: Krawalle am Kotti
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1 von 10Foto: dpa
29.07.2009 08:29Die Revolutionäre 1. Mai Demo startet traditionell am Kottbusser Tor. Mehr als 5000 Demonstranten haben sich am Freitagabend...


21:45 Uhr, Heinrichplatz, Kreuzberg.

Zwei grün uniformierte Polizeitrupps mit Helmen haben sich ins Myfest bewegt. Sie stehen auf dem Heinrichplatz und warten, insgesamt etwa 60 Mann.


Mayday und Maifest
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1 von 11Foto: Anne Onken
29.07.2009 08:29Vor dem Start. Die "Revolutionäre 1.-Mai-Demo", die um 13 Uhr am Kreuzberger Oranienplatz starten sollte, war um 14 Uhr noch nicht...
18-Uhr-Demo 2009
273475_0_92783a15.jpgWeitere Bilder anzeigen
1 von 14Foto: Jörg Zeipelt
29.07.2009 08:29Um kurz nach 18 Uhr startet die 18-Uhr-Demo vom Kottbuser Tor. Noch ist die Menge bunt durchmischt. -
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