Liveticker zum Nachlesen : Was am 1. Mai in Berlin geschah
02.05.2012 00:18 UhrBeten für die Gentrifizierungs-Opfer auf dem Myfest
15:00: Auf dem Mariannenplatz tanzen rund 70 junge Menschen traditionell zu türkischer Musik. Sie bilden zwei riesige Kreise, haken sich am kleinen Finger unter, tanzen vor und wieder zurück. Am Rand stehen ältere Leute und schauen dem Treiben amüsiert zu. Passanten gehen vorüber, sie tragen grüne Luftballons mit der Aufschrift „Multi ist kulti“.
14:42: Starke Ermüdungserscheinungen beim Aufmarsch der Rechten in Hellersdorf. Von den rund 120 Nazis zu Beginn sind noch etwa 40 bis 50 unterwegs - nun in Richtung Zingster Str. in Hohenschönhausen. Ein Polizeibeamter vor Ort sagte: "Wir hatten damit gerechnet, dass es deutlich mehr Leute werden." Ab und zu sind zwar rechte Parolen zu hören. Die Stimmung ist aber nicht aggressiv aufgeheizt.
14:28: „Gott, du bist größer, Gott, du bist stärker, Gott, du stehst höher als alles andere“, klingt es von der Bühne auf dem Kreuzberger Mariannenplatz. Zwischen den Grillbuden des Myfest wird am späten Vormittag ein Gottesdienst gefeiert: Unter dem Transparent der Linkspartei, das für „Solidarisch gut leben“ wirbt, beten freikirchliche Christen für einen friedlichen ersten Mai. Auf der Bühne stellen Schauspieler die Kreuzigung Jesu nach, einer schreit, bricht mit ausgestreckten Armen zusammen. Die Menschen an den Marktständen schauen mit einer Mischung von Neugier und Entsetzen auf die Bühne. Dann beten die Christen, leise und in kleinen Gruppen. Für einen friedlichen Verlauf des 1. Mai, für die Einsatzkräfte, für die von Gentrifizierung Betroffenen. Doch ob ihre Gebete erhört werden, wird erst die kommende Nacht in Kreuzberg zeigen.
14:21: In der Oranienstraße wird die Stimmung ausgelassener: Menschen tanzen zu wummernden Bässen auf der Straße, Punks knutschen auf dem Bürgersteig. Einige Leute suchen sich besonders gemütliche Plätze: Manche sitzen an einem Obststand auf einem blauen Sofa, daneben hat es sich ein Mann in einer rostigen Badewanne bequem gemacht. Einige Anwohner reißen die Fenster auf, um das Straßenfest aus der Ferne zu beobachten.
14:10: Diese Ansage erfreut das Gewerkschafterherz: "Wir schätzen, dass 12 bis 15 000 Menschen hier sind", schallt es von der Bühne am Brandenburger Tor. Dort spricht der Bundesvorsitzende der Erziehungsgewerkschaft GEW, Ulrich Thöne. Zuvor hatte er gefordert, die Wohlhabenden in Deutschland stärker zu besteuern, um mit diesem Geld eine Bildungsoffensive zu starten. Aber in seiner Ansprache beschränkt er sich nicht nur auf nationale Themen; der Schwerpunkt liegt vielmehr auf Europa.
Um die Krise in Europa wirksam zu bekämpfen hätten die Gewerkschaften ein Vier-Punkte-Programm vorgelegt, sagt Thöne und zählt auf: die desaströse Sparpolitik stoppen, ein europäisches Investitionsprogramm auflegen, die Finanzmärkte regulieren und den Reichtum von oben nach unten umverteilen. Applaus für diese Forderungen ist Thöne, der vor einigen Jahren auch einmal an der Spitze der Berliner GEW stand, sicher. Aber der Kreis der Zuhörer ist einigermaßen übersichtlich; die allermeisten DGB-Demonstranten genießen lieber Sonne, Bier oder alkoholfreie Getränke, Bratwurst oder Hühnchen und die Gespräche mit Freunden und Kollegen.
13:40: Innensenator Frank Henkel hat sich bei der Nazi-Demonstration in Hellersdorf einen Überblick verschafft. Mit dem Einsatz der Polizei zeigte sich der CDU-Politiker sehr zufrieden. In Bezug auf die Walpurgisnacht sagte er: "Die Taktik ist voll aufgegangen."



















