Berlin : Ljuba Handrich Podgorny (Geb. 1948)

"Ich bin Millionärin", schrieb sie. Dabei besaß sie fast nichts.

Simone Guski

Liebe Grüße ... meist immer noch lächelnd ... Ljuba“ unterschrieb sie die vorletzte Rund-Mail an alle ihre Freunde, „Liebe Grüße ... breit grinsend“ die letzte.

Vor einem Jahr hatte sie begonnen, ihre Mails mit „liebe Grüße lächelnd“ zu unterschreiben. Ob sie damals schon um ihre Krankheit wusste? Wahrscheinlich. Sie lebte in atemloser Geschwindigkeit, hatte immer mehr vor. Dann packte sie erst die Gicht und dann der Krebs. Doch mit der Krankheit wuchs ihr Mut. „Ich bin Millionärin“, schrieb sie. Dabei besaß sie fast nichts. Aber viele Freunde: „Ich paddele in einem Meer aus Liebe.“

Ihr letztes Projekt war eine Internetplattform für jung gebliebene Alte. Um Krankheiten sollte es da nicht gehen; „Rollatoren kommen bei mir nicht vor!“ Sie war sowieso überzeugt, dass es das Alter eigentlich nicht gibt – und wenn doch, dann nur als Frage von Haltung und Einstellung.

Sie war in München geboren, hatte einen russischen Vater und war via Indien nach Berlin gekommen. Aberwitz lag bei den Podgornys in der Familie. Ljubas Vater hatte in der Wlassow-Armee gekämpft, für Hitler, gegen Stalin; nach dem Krieg folgte er dem Aufruf, in die Heimat zurückzukehren – und wurde dort zu jahrelangem Straflager verurteilt. Eine kurze Zeit der Freiheit endete, als er drohte, Stalin umzubringen. Den Rest seines Lebens verbrachte er in einer Nervenklinik im Kaukasus. Ljubas russischer Nachname war sein Tarnname.

In München besuchte sie eine russische Grundschule und freute sich, Ostern und Weihnachten zweimal, einmal nach dem russisch-orthodoxen und einmal nach dem römisch-katholischen Kalender, feiern zu dürfen. Die russischen Feste waren zweifellos die üppigeren. Alkohol bei den Männern und Tränen der sentimentalen, heimwehkranken Tanten sollen in Strömen geflossen sein. Um von den deutschen Kindern anerkannt zu werden, entfaltete Ljuba großen Mut: Sie wurde eine beachtliche Turmspringerin. Nur vor ihrer rigorosen Mutter hatte sie Angst.

Schließlich aber wurde sie Hippie. Sie ließ nichts aus. Nach dem Grafikstudium gab es in München für sie nichts mehr zu tun, also brach sie mit Mann und den zwei kleinen Kindern im Wohnmobil in den Orient auf, immerhin mit einem Empfehlungsschreiben der gut situierten Familie des Ehemannes. Die beiden gaben ein Bilderbuchpaar ab, bildhübsch. In der Deutschen Botschaft in Teheran kam der erste Auftrag: ein Grafikworkshop. So tingelten sie über Afghanistan bis Indien, veranstalteten Workshops oder organisierten Kindergeburtstage für Botschaftskinder aller Nationen. Gekocht wurde vor dem Wohnwagen, die Wäsche in einem Eimer eingeweicht und darin während der Fahrt gut durchgeschüttelt.

Als die Kinder das schulpflichtige Alter erreichten, galt es, sich zu entscheiden. Ljuba fuhr mit ihnen allein zurück nach Deutschland und arbeitete nun für ein Fotostudio. Über Nacht erledigte sie Retuscheaufträge. Werbearbeiten kamen hinzu. Die Bleibtreustraße verwandelte sie in einer Fahnenaktion, zu der sie fast alle Laden-, Restaurant- und Galeriebesitzer überredet hatte, für Wochen in eine flatternde Allee aus bunten Stoffen.

Natürlich reiste sie wieder, einer Liebe hinterher nach Hawaii, zu Fuß durchs Mekong-Delta. Von der pragmatischen Art des fernen Ostens, mit dem Leben umzugehen, eignete sie sich einiges an, und sie entwickelte ihre eigenen Rituale. Vor wichtigen Situationen verbrannte sie bedruckte chinesische Glückspapiere.

Ein Projekt mündete ins nächste. Klappte etwas nicht, war das nicht schlimm, sie hatte genug Ideen. Sie liebte Buchstaben. Alle ihre grafischen Ideen kreisten um Buchstaben. In den letzten Jahren sah man sie nie ohne ihre Ohranhänger, die eigentlich Schlüsselanhänger waren, und auf die Worte wie „Ja“, „Aber“, „Nein“ oder „Doch“ gestanzt waren, je nach Stimmung.

Die hagere Frau mit dem Pferdeschwanz – von dem sie sich erst vor der Chemotherapie trennte – war immer auf der Höhe ihrer Zeit. Ihre beiden Computer liefen Tag und Nacht, jede Nachricht, die sie bekam, beantwortete sie prompt. Ihre Freunde überhäufte sie mit Geschenken, die sie selbst gestaltete.

Und wie sie sich kümmerte! Um die Tochter einer Freundin mit Downsyndrom, um den fast blinden Freund ihres Mannes, um die Stoffkünstlerin mit den epileptischen Anfällen, um all die Freunde, die an Aids erkrankt waren. Auch wenn sie im fünften Stock ohne Fahrstuhl wohnten und ihr das Treppensteigen immer mehr Mühe bereitete: „Dann mache ich eben eine Pause im zweiten.“

Die letzten Wochen verbrachte sie damit, in Erinnerungen zu schwelgen, hellwach, wie sie es immer gewesen war. Ljuba starb zufrieden. So hatte sie es sich vorgenommen. Simone Guski

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