Berlin : Lob der Uniform

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VON TAG ZU TAG

Andreas Conrad über

einen neuen Fall von Köpenickianismus

Für Rollentausch durch Kleiderwechsel sind wir Berliner Spezialisten. Ein Gang zum Trödelhändler hat bei uns schon genügt, um aus einem am unteren Ende der Sozialskala angesiedelten Ex-Häftling einen geachteten Hauptmann zu zaubern, vor dem selbst der Bürgermeister von Köpenick stramm stand. Das schien für ein knappes Jahrhundert Vergangenheit, bis unlängst ein zugereister Nahverkehrsenthusiast sich eine alte Eisenbahnerjacke überstreifte und erfolgreich Zutritt zum Führerstand einer S-Bahn verlangte. Die Berliner Neigung zur Mimikry scheint auf die Bewohner des Umlands abzufärben. Wie sonst käme ein vergnügungsfreudiger Jung- Brandenburger auf die Idee, in Feuerwehruniform gratis Zutritt zu einer Disco zu fordern, um dort angeblich Feuerlöscher zu überprüfen. Sollte freilich der Dilettantismus seines Auftritts typisch für den Brandenburger sein, wäre das ein Manko für die potenzielle Vereinigung beider Länder. Sorry, Potsdam, aber die Meister dieser Disziplin traten nun mal auf hauptstädtischem Boden auf. Obwohl wir uns darauf vielleicht nicht allzu viel einbilden sollten. Zur Not geht es – zumindest eine Zeit lang – auch ohne Uniform, wie der Däne Hans Christian Andersen in „Des Kaisers neue Kleider“ bewies. Und vom Schweizer Gottfried Keller (vorübergehend immerhin Gast-Berliner) wissen wir: „Kleider machen Leute.“

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