Berlin : Lobbyismus: Am besten immer und überall

Ulrike Fokken

Zum Sommerfest beim Spiegel gehen an diesem Montag alle. Zu Focus einen Tag später auch. Ungünstig für die Lobbyisten der Wirtschaftsverbände ist, dass am selben Abend auch die Grünen "333 mittendrin in Berlin" feiern und der bayerische Staatsminister Reinhold Bocklet auf dem Gendarmenmarkt den Auftakt des Oktoberfests begehen möchte.

Die Lobbyisten der Verbände und Unternehmen - "Interessenvertreter" wie sie sich selbst nennen - haben einen harten Job. Wenn es sein muss, gehen sie zu drei Abendterminen hintereinander. "Das ist in Berlin aber nur schwer zu schaffen", sagt Philipp Graf von Walderdorff vom Deutschen Industrie- und Handelstag. Bei der mächtigen Wirtschaftsvereinigung ist er laut Visitenkarte zuständig für internationale Kontakte, Politik und Protokoll. In eben dieser Reihenfolge soll von Walderdorff dafür sorgen, dass der Anlagenbauer von der schwäbischen Alb mal bei einem Abendessen neben dem Wirtschaftsminister von Lettland sitzt. Oder auch das 40. Mitglied im Finanzausschuss genauestens darüber informiert wird, wie der DIHT die Steuerreform beurteilt. "Dafür müssen Sie alle kennen", sagt Walderdorff, der seit elf Jahren die Kontakte für den DIHT pflegt. Zwischen sieben und zehn "Kontakte" knüpft der beredte Graf an einem Abend. Pro Veranstaltung wohlgemerkt. In Berlin schafft Walderdorff meistens nur zwei Termine, da die Entfernungen in der Stadt zu groß sind. So kann er um 18 Uhr zu einem Empfang, einem Vortrag oder einer Buchpräsentation gehen und es dann gerade noch bis 20 Uhr zum Essen bei einem Botschafter schaffen. Walderdorff bedauert, dass er nicht mehr schafft, vor allem da die Termine sich in Berlin verdoppelt haben im Verhältnis zu Bonn.

"Ansonsten hat sich im Prinzip gar nichts für uns verändert", sagt Stephan Gräf, der seit zwölf Jahren die Kontakte zwischen Bundesärztekammer und Regierung pflegt. Nur die Wege in der Hauptstadt, die sind zu lang. Dabei haben sich die Interessenvertretungen der Unternehmen, die Umweltorganisationen und die Wirtschaftsverbände so dicht es geht in der Stadt zusammengefunden. Zwischen Alexanderplatz und Brandenburger Tor haben die meisten der rund 400 Lobbyisten ihren Platz gefunden. Über vier Mal so viele Verbände und Organisationen sind beim Bundetag als Berater registriert. Die wortgewaltigsten unter den Neu-Berliner - DIHT, Bund der Deutschen Industrie und Arbeitgeberverband - haben sich eine gläserne Burg unweit des Kanzleramts und des Auswärtigen Amts errichtet. Von dort kann Walderdorff mal eben zu Fuß zu den Regierungsmitarbeitern gehen und sich nach deren Befinden erkundigen. "Man muss à jour sein", sagt Walderdorff.

Also immer bestens über alle Geschehnisse informiert sein, diese darf ein guter Lobbyist aber niemals ausplaudern. Diskretion ist das oberste Gebot der Interessenvertreter. Und Offenheit. "Wir haben am meisten Erfolg, wenn wir offen und seriös informiert haben", sagt Gräf. Dabei sei es bei weitem nicht so, dass er sich den Abgeordneten oder den Beamten im Gesundheitsministerium aufdrängen müsste: "Die treten mehr an mich heran, als ich an die".

Diese Erfahrung bestätigt kann Kristina Steenbock, Verbindungsfrau von Greenpeace zur Regierung. "Die Offenheit ist viel größer", sagt sie. In ihrem Fall hängt das aber mehr mit dem Regierungswechsel als mit dem Umzug von Bonn nach Berlin zusammen. Vom Minister abwärts hat es Steenbock unter Rot-Grün einfacher, die Positionen zur Wärmedämmung oder der Europäischen Patentrichtlinie zu erklären. Dabei muss sie nicht nur die Nähe zu den Abgeordneten und Ministerialen suchen, sondern die Rot-Grünen haben selbst informelle Kreise eingerichtet, um mit Greenpeace und anderen Umweltschutzverbänden zu sprechen. "Wir sind so eine Art Frühwarnsystem für die Regierung", vermutet Steenbock.

In Bonn konnte sie die Arbeit noch allein bewältigen. In Berlin hat die Umweltschutzorganisation ihre "Politische Abteilung" auf fünf Personen aufgestockt. "Wir sind einfach zu wesentlich mehr Fragen gefordert", sagt Steenbock. Denn neben der Regierung und den Regierungsparteien reden nun auch plötzlich die Abgeordneten von der CDU, der FDP und der CSU mit ihr. Auf der Suche nach Futter für die politische Jagd kennen die einstigen Gegner keine Grenzen mehr. Wenn Steenbock gute Informationen über die Wärmedämmung und die Auswirkungen auf Klimaschutz und Arbeitsmarkt hat, dann nimmt das ein CDU-Politiker gern in seine Kampagne auf. Denn laut einer Umfrage von BASF schätzen neun von zehn Abgeordneten die Lobbyisten-Beiträge als "nützlich zur politischen Meinungsfindung" ein.

Um das Hintergrundmaterial an die Frau und den Mann zu bringen, brauchen die Lobbyisten auch Geschick und mehr Kreativität. "Das Klima ist härter geworden", sagt Graf Walderdorff. Die Zahl der Kontakthersteller wächst, und jeder versucht, sich an Exklusivität selbst zu überbieten. Für ein Mittagessen fährt kaum noch jemand durch die ganze Stadt. Die Wege sind eben zu lang. Aber an die werden sich die Lobbyisten ebenso gewinnbringend gewöhnen wie an das Klima.

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