Berlin : Lockerheit hilft beim Glauben

Gottesdienst am Hohenzollernplatz

Claudia Keller

SONNTAGS UM ZEHN

Vielen geht es mit dem Glauben wie Hertha mit dem Fußball: Sie sind zu verkrampft, als dass es klappen könnte. Erfolgreich kann nur sein, wer locker ist – und hart trainiert. Pfarrer Harald Grün-Rath war Leistungssportler. „Wenn ich verkrampft war, bin ich einen Meter kürzer gesprungen.“ Vielleicht war ja auch der Apostel Paulus ein Freund der Leichtathletik. Die Korinther jedenfalls forderte er auf, in Glaubensdingen „das Beispiel der Wettkämpfer in der Rennbahn nachzuahmen“. Was Paulus damit meint, Grün-Rath brachte es in der evangelischen Kirche am Hohenzollernplatz in Wilmersdorf auf den Punkt: Lockerungsübungen sind dringend nötig. Und zwar für den Kopf. Das sei gar nicht so schwer, sagt Grün-Rath. Schließlich sei uns die Siegertrophäe schon sicher: Freiheit, die Aufnahme ins Himmelreich. Jesus habe durch seinen Tod den Preis für uns bezahlt. „Ihr seid teuer erkauft“, steht in der Bibel. Und: „Alles ist Euer.“

Warum also nicht ein bisschen lockerer werden? Der Gottesdienst bietet dreierlei Hilfestellungen: Singen löst Verkrampfungen in den Atemwegen und auch manchen gedanklichen Stau. Das Gebet ist Konzentrationstraining. Man besinnt sich auf das, was einem wirklich wichtig ist. Die Predigt kann man als Dehnungsübung begreifen: Man tauscht sich aus über die Heilige Schrift, entdeckt neue Sichtweisen auf das Leben. Dadurch relativieren sich bisweilen Probleme. So unvergleichlich wie uns Konflikte manchmal erscheinen, letztlich geht es immer um das Gleiche wie schon vor zweitausend Jahren, um Menschliches, Allzumenschliches.

Um die Trophäe schmackhaft zu machen, die Freiheit, erzählte Grün-Rath von den 30 000 Waldensern in Italien. Durch ihren Glauben seien sie selbstbewusst und frei geworden, Könige und Fürsten konnten sie unterdrücken, wie sie wollten, das prallte an ihnen ab. Heute kämpfen die Waldenser dafür, dass der Buddhismus in Italien als gleichberechtigte Religion anerkannt wird. Pfarrer Grün-Rath, 52, nimmt man ab, wenn er vom Glück des Lockeren spricht – ruhig und gelassen und mit einem verschmitztenLächeln auf dem Gesicht. „Er hat mich richtig angesteckt“, sagt Catherine Aglibut und packt ihre Geige ein. „Oft ist man so verspannt und nimmt alles so schwer.“ So wie sie und Arno Schneider Sonaten von Dario Castello und Georg Philipp Telemann spielten, so leicht und beschwingt, war davon allerdings nichts zu merken. Sie öffneten die Ohren auf feine,wunderbare Weise. Keine schlechte Voraussetzung für eine neue Woche, für eine entspannte und vielleicht deshalb umso erfolgreichere.

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