Berlin : Lockerungsübung im Schloss Bellevue

Der Bundespräsident schwärmt von der WM und Moritz Rinke von Deutschland

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Es falle schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen, sagt der Bundespräsident. Wahrscheinlich hätte sich irgendwann Langeweile eingestellt, sagt der Bundesinnenminister.

Es hilft nichts. Der Alltag kehrt wieder ein. Das sagt der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes. Vor ein paar Tagen ist die Fußball-WM zu Ende gegangen. Aber wenn man der Stimmung auf dem Empfang glauben darf, zu dem Bundespräsident Horst Köhler ins Schloss Bellevue eingeladen hat, dann will noch immer niemand das Ereignis vergehen lassen. Im Saal geladene Gäste und freiwillige WM-Helfer, bei denen sich Köhler für die Unterstützung bedanken will. Und im Publikum wird, nur halb im Scherz, darüber spekuliert, ob Deutschland nicht doch die WM in vier Jahren bekommen könnte, falls Südafrika überfordert sein sollte …

Köhler hält sich an die Tatsachen. Die Stimmung im Land, die sei vielleicht das bedeutendste Ereignis der WM gewesen, sagt er. Ein Land voller friedlich-ausgelassener Patrioten. Dies möge nachwirken. Köhler hat einen Kronzeugen geladen, der sich als nachhaltig gewendet outet: Moritz Rinke, Schriftsteller und Tagesspiegel-Autor. Er soll aus seinen Kolumnen lesen, in denen er in der gemeinsamen WM-Beilage von Tagesspiegel und dem Fußballmagazin 11 Freunde unter anderem seine Verwandlung in einen Deutschland-Liebhaber beschrieben hat. „Ein Schriftsteller“, sagt Rinke, „muss gegenüber seinem Land immer besonders kritisch sein“. Diese Distanz sei ihm während der WM gründlich abhanden gekommen. „Ich bin gerne Deutscher gewesen. Ich sage das ganz pathetisch.“ Man weiß nicht, ist es ein Lächeln oder eine Regung der Schüchternheit, die seine Mundwinkel umspielt.

Aber die entscheidende Frage ist doch: Wenn einer sich als begeisterter Handtuchwart im Mannschaftshotel der Deutschen beschrieben hat – kann der je wieder über anderes schreiben als über Fußball? Wir werden es aufmerksam verfolgen. Immerhin geht es um Deutschlands Zukunft. Wenn Rinke loslassen kann, dann können wir es auch. Wir müssen nur wollen. mne

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