Berlin : Lockerungsübungen mit Balalaika

Berlins Antwort auf die Leningrad Cowboys: Die Band Apparatschik spielt beim Museumsinselfestival

Nana Heymann

Damit während eines Konzerts der Berliner Musikkapelle Apparatschik die Stimmung auch wirklich stimmt, gibt es für die Besucher am Einlass einen Wodka. Nicht, dass man sich den Abend schön trinken müsste – im Gegenteil: Die fünf Musiker, die sich mit Leib und Seele der russischen Kulturpflege verschrieben haben, bringen mit ihrer Show aus Volksmusik, Folklore-Elementen und imposanten Kostümierungen Leben in jeden Konzertraum. Nur: Das Publikum muss für diese Kulturreise auch wirklich bereit sein. Ein Schluck Hochprozentiges ist da der Lockerung der eher steifen deutschen Hüften zuträglich. Am heutigen Freitagabend spielt die Gruppe um Frontmann und Bandgründer Oleg Matrosov beim Museumsinselfestival.

Man könnte die fünf durchaus als eigenwillig bezeichnen, schräg, verschroben, aber doch sympathisch. Deshalb darf man es dem Sänger auch nicht verübeln, dass er den Schein der Inszenierung wahren will. Jeder Versuch, hinter die Fassade zu blicken, wird mit dem Verweis auf die offizielle Bandbiografie abgeblockt. Demnach stammen Apparatschik aus dem russischen Machorka-Tabakistan und ließen sich in den Wirren der Auflösung der Sowjetunion per Traktor nach Deutschland einschleusen – bis nach Kreuzberg. Das ist der einzige Punkt, an dem sich Realität und Fiktion decken. Denn Machorka-Tabakistan würde man im Atlas vergeblich suchen, auch Matrosovs sächsischer Dialekt zeugt von den abstrusen Eigenheiten dieser Erzählung.

„Die ganze Sache ist ein Projekt, das man mit Augenzwinkern betrachten soll“, sagt Matrosov. Er sitzt in einem Kreuzberger Café und hat sein folkloristisches Bühnenkostüm gegen ein sportliches Outfit eingetauscht. Allein die mitgebrachte Balalaika deutet auf sein russisches Alter-Ego hin. Nachher muss er zur Probe für das Konzert am heutigen Freitag. Zwei Alben haben Apparatschik in den 15 Jahren ihres Bestehens herausgebracht. Mit dem aktuellen Werk „Aurora“ konnte das Quintett seinen Ruf als Berliner Antwort auf die Leningrad Cowboys festigen. Ihre Neuinterpretationen russischer Volks- und Revolutionslieder präsentieren sich in einem Gewand aus Rock, Ska, Punk und Polka – kurzum: „Pulp Fiction“ trifft „Panzerkreuzer Potemkin“. Dafür wurden sie bereits bei Auftritten in Polen, Österreich oder Tschechien frenetisch bejubelt.

„Wir scheinen die russische Seele authentisch rüberzubringen“, sagt Matrosov und vermutet, dass das der Grund für ihren Erfolg ist. Mit dem Kult um alles Russische, den Schriftsteller Wladimir Kaminer mit seiner Partyreihe „Russendisko“ auslöste, habe das aber nichts zu tun. Es sei vielmehr die „Melancholie bei gleichzeitiger Ekstase“, die das Publikum so fasziniere. Dabei hilft mitunter eben auch ein Gläschen Wodka.

20 Uhr, Museumsinsel, Bodestr., Mitte. Karten für 10 Euro unter Tel. 20628778

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben