Berlin : Löschübung: Dicker Qualm im Kinofoyer

Rainer W. During

Die Drohung kommt kurz vor halb neun. Ein anonymer Anrufer im Rathaus kündigt Mittwochvormittag einen Brandanschlag in der Spandauer Altstadt an. Knapp 20 Minuten später steht fest, dass es der Täter nicht bei Worten belässt: Dicker Qualm zieht durchs Kino-Center in der Havelstraße. Die Besucher, die in Foyer und Treppenhaus auf den Einlass zu den fünf Sälen warten, werden von dem sich schnell ausbreitenden Feuer überrascht. Als eine Streife der Polizei den Rauch bemerkt, flüchten rund 150 Menschen bereits durch die Notausgänge. Zurück bleiben neun Schwerverletzte. Über Funk werden Verstärkung und die Feuerwehr alarmiert. Zum Glück ist alles nur eine Übung. Zum zweiten Mal in diesem Jahr probten die Beamten vom Polizeiabschnitt 21 den Ernstfall.

Wenige Augeblicke später treffen die ersten Funkstreifen ein. Zwei Verletzte ins Freie. Mit heulenden Sirenen rollt der Löschzug der Feuerwache Spandau-Nord durch die noch verschlafene Fußgängerzone. Atemschutzgeräte werden angelegt, Schläuche ausgerollt. Feuerwehrmänner bergen weitere Opfer aus dem verqualmten Treppenhaus, der erste Rettungswagen rollt in Richtung Krankenhaus.

Während ein Notarzt des Roten Kreuzes einen Mann auf der Straße wiederbelebt, entdecken Polizeibeamte unter den Schaulustigen den Brandstifter, der noch einen Bezinkanister in der Hand hält. Der Täter versucht zu flüchten, doch wird er von einem Polizeihund zu Fall gebracht. Schon sind weitere Ordnungshüter zur Stelle, klicken die Handschellen. Während ein Schwerverletzter weggebracht werden soll, durchbricht ein sensationsgieriger Fotoreporter die Absperrungen und muss von zwei Beamten zurückgedrängt werden. Etwas mehr als eine halbe Stunde ist inzwischen vergangen, und die Feuerwehr rollt ihre Schläuche wieder ein.

Die "Opfer" kehren zum Ort des Geschehens zurück. Polizisten und Rot-Kreuz-Helfer hatte Anne Dummer vom DRK-Kreisverband Tempelhof-Kreuzberg zuvor eine Stunde lang dramatisch geschminkt. "Ich war in dem Moment zufrieden, als der Kameramann, der die Verletzten filmte, blass geworden ist", sagt die Expertin für realistische Katastrophenszenerien. Im Kino-Center war man gerne bereit, für die Sicherheitsübung gestern die erste Vorstellung ausfallen zu lassen. Anwohner und Ladenbesitzer waren vom Kontaktbereichsbeamten "vorgewarnt" worden. Nur der Inhaber eines Zeitungsgeschäftes befürchtete Umsatzeinbußen.

Im Zuständigkeitsbereich seiner Dienststelle befinden sich zahlreiche brandgefährdete Objekte, sagt Polizeioberrat Dietmar Ziege. Deshalb setzt der Leiter des Abschnitts 21 auf realitätsnahes Training. So sollen sich die Beamten im Ernstfall schneller in der häufig chaotischen Situation orientieren können. Ein weiterer Aspekt ist die Qualifizierung von Nachwuchs-Führungskräften. So wurde die gestrige Übung von zwei jungen Beamtinnen geleitet.

"Einige Dinge sind hervorragend gelaufen, doch es sind auch Fehler passiert", sagte Dietmar Ziege in einem ersten Urteil. So seien einige Polizisten ohne auf den eigenen Schutz zu achten in das brennende Gebäude gelaufen. Anhand der Beobachtungen von zwei "Schiedsrichtern", Videoaufnahmen und der Aufzeichnung des Funkverkehrs erfolgt jetzt eine genaue Analyse. Für einige Beamten, die gestern Vormittag Sport gehabt hätten, begann am Abend die reguläre Nachtschicht.

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