Berlin : Logieren wie August Borsig

Eine Radtour im westlichen Havelland lässt Geschichte lebendig werden – auch in Groß Behnitz.

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Diese Herren trennen Welten: Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, Lokomotivkönig August Borsig und Hollywoodstar Brad Pitt. Und doch gibt es eine Verbindung, buchstäblich sogar. Ein von jedermann zu bewältigender Radweg führt zu Orten, die mit den dreien in Verbindung gebracht werden können. Die Legende über den aus dem Grab des Ribbecker Gutsherren wachsenden Birnbaum hat Theodor Fontane zu einem der schönsten und bekanntesten deutschen Gedicht verarbeitet. Der Industrielle August Borsig unterhielt in Groß Behnitz ein großes Mustergut mit gesunden Lebensmitteln zur Versorgung seiner Beschäftigten. Und der Schauspieler Brad Pitt drehte in einer Nauener Altstadtgasse Schlüsselszenen des Kassenschlagers „Inglourious Basterds“, wofür Regisseur Quentin Tarantino einen Straßenzug in das französische Dorf Nadine und ein altes Haus in die Kneipe Auberge La Louisiane verwandeln ließ.

„Auf mich haben die Touristiker leider nicht gehört“, sagt der Unternehmer Michael Stober lächelnd. Eine Tour „zu Ribbeck, Borsig und Pitt“ hätte bestimmt Aufmerksamkeit erregt. So aber trägt der auf der heute beiliegenden Landkarte vorgestellte Rundkurs den unspektakulären Namen „Nauener Dreieck“. Und dennoch lohnt sie sich, am Wegesrand liegen viele spannende Geschichten.

Michael Stober hat mit dem Etappenziel im kleinen Groß Behnitz selbst eine Attraktion geschaffen. Er baute das nach der Wende fast zur Ruine heruntergekommene Gut des vor allem in Berlin unvergessenen Großindustriellen August Borsig zu einem touristischen Ziel aus, das im Berliner Umland einmalig ist. 16,5 Millionen Euro sind dort im letzten Jahrzehnt verbaut worden. Die am Eingang wehenden Fahnen Brandenburgs und der EU weisen auf die wichtigsten Fördermittelgeber hin. Dazu kommen Kredite und Eigenkapital.

Mit dem Geld sind aus Ställen, Speichern, Brennereien und Maschinenhallen mehrere Tagungs- und Ausstellungsräume, ein Logierhaus, ein Restaurant mit Seeterrasse, ein Standesamt und zuletzt im vergangenen Herbst ein Bio-Hotel mit 120 Zimmern entstanden. Inzwischen sind die Angebote so vielfältig geworden, dass sich sogar ein Informationspavillon inmitten des mit märkischen Feldsteinen gepflasterten Hofes lohnt. Hier gibt es auch einen Radverleih, so dass selbst mit dem Auto anreisende Tagesgäste oder Urlauber die sechs Kilometer lange Strecke durch den Wald nach Ribbeck vom Hotel aus radelnd zurücklegen können.

Leider wurde der Bahnhof im Dorf schon Ende 1995 geschlossen, als an eine touristische Entwicklung von Groß Behnitz noch nicht zu denken war. So donnern die Züge auf der Strecke zwischen Berlin und Hannover ohne Halt und hinter einer hohen Lärmschutzwand vorbei. In der Ausstellung über die wechselvolle Geschichte des Guts liegt inzwischen eine schon gut gefüllte Unterschriftenliste für die Wiedereröffnung der Station.

Sie würde bestimmt noch mehr Neugierige ins Dorf locken. Zu sehen und zu erfahren gibt es im Gut jedenfalls genug, zumal hier auch deutsche Geschichte erlebbar wird: Zwischen 1941 und 1943 traf sich dort unter strenger Geheimhaltung der Kreisauer Kreis um Graf von Moltke, der für die Zeit nach einem möglichen Sturz Hitlers einen Plan für die Landwirtschaft ausarbeitete. Nach dem gescheiterten Hitler-Attentat am 20. Juli 1944 wurden die meisten Mitglieder der Oppositionsbewegung verhaftet und hingerichtet. Der letzte Gutsherr, Ernst von Borsig, kam zwar mit dem Leben davon, starb aber kurz nach Kriegsende 1945 in einem sowjetischen Internierungslager.

Selbst Drehort war die Gegend um Groß Behnitz lange vor Brad Pitts Auftritt in einem Kriegsfilm. Theater- und Filmstar Gustav Gründgens, als Mephisto im Faust-Film unvergessen, drehte dort 1939 „Zwei Welten“ – einen Streifen mit NS-propagandistischen Tendenzen.

www.landgut-aborsig.de

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