Berlin : Lok-Ruf aus dem Keller

Unterm Flughafen Tempelhof entsteht das historische Modellbahn-Berlin

Stefan Jacobs

Mit jeder Treppenstufe abwärts dreht sich die Welt langsamer, und im Keller steht sie still. In dem fensterlosen Raum mit Betonrippendecke ist es weder warm noch kalt und ziemlich still dafür, dass etwa zehn Männer redend beisammensitzen. Sie tauschen neueste Erkenntnisse über „kurzgekuppelte Pärchen mit 56er“ aus oder erörtern die Vor- und Nachteile von „RP-25-Radsätzen“. Der Jüngste im Club ist 19, der älteste fast 80. Jeden Dienstagabend steigen sie hinab, um am Modell des historischen Görlitzer Bahnhofs zu bauen oder ihre Gedanken darüber auszutauschen. Seit 22 Jahren. Das 1868 eröffnete Original war nach drei Jahren fertig.

1982 hat ein US-Sergeant mit ein paar deutschen Zivilbeschäftigten des Flughafens Tempelhof den Eisenbahnclub gegründet. Die Amerikaner stellten den 300-Quadratmeter-Kellerraum irgendwo im Labyrinth der Flughafengebäude zur Verfügung, die Clubmitglieder suchten sich ein Projekt. Erst wollten sie den Anhalter Bahnhof mitsamt Umgebung im Maßstab 1:87 bauen, aber der erwies sich als ungeeignet, weil zu breit: Wollte man einen entgleisten Waggon in der Mitte wieder aufrichten, kippte man mit dem Bauch einen anderen Zug um. Also nahmen die Bastler sich den Görlitzer Bahnhof vor, von dem bis zum Krieg Züge zwischen Kreuzberg, Kattowitz und Cottbus fuhren.

Mario Klewer stieß drei Monate nach Vereinsgründung als 17-Jähriger dazu. „Wenn wir so weitermachen wie bisher, brauchen wir noch 20 Jahre“, knurrt er über das Bahnhofsdach hinweg. Dann könnte er als Rentner im Sperrholz-Stellwerk sitzen und die Züge der 30er Jahre an sich vorbeifahren lassen: aus der sandsteingelben Bahnhofshalle an Lokschuppen und Heizkraftwerk vorbei Richtung Treptow, zwischen Mietskasernen und Kirche hindurch, entlang den Kleingärten zum Bahnhof Baumschulenweg, bevor die Züge über eine Art Parkhauseinfahrt in einen „Schattenbahnhof“ im Untergeschoss der Modellbahnplatte verschwinden. Alle Gleise sind fast 800 Meter lang; unter der Platte liegen 18 Kilometer Kabel.

Heute verlässt kein Zug den Görlitzer Bahnhof. Wie so oft. „Dabei haben wir auf einer Mitgliederversammlung beschlossen, mindestens einmal im Monat was fahren zu lassen“, erzählt Klewer und schaut schulterzuckend zu seinen Clubkameraden hinüber. Sie scheinen ihm so unmotiviert. Gut, in letzter Zeit gab es große Verkehrseinschränkungen wegen Gleisbauarbeiten. Aber vielleicht haben sie den Fahrplan auch unbewusst ausgedünnt, weil es ein paar Mal Ärger um ramponierte Loks gab. Die Züge gehören nämlich den einzelnen Vereinsmitgliedern. Sie stehen zwar zur allgemeinen Verfügung, aber wenn dann was kaputt geht und keiner es gewesen sein will, rangiert mancher Besitzer seinen Zug eben aus.

Klewer kommt oft auch sonntags, um Böschungen zu bepflanzen, Drehgestelle mit rostbrauner Farbe altern zu lassen oder Hausfassaden zu streichen. Seine Frau sei „manchmal schon ein bisschen stinkig“ deswegen, aber einer muss das Projekt ja voranbringen. Außerdem war die Eisenbahn zuerst da.

Günter Wagner, der Schöpfer der Kleingärten, war auch so ein Tüchtiger. Woche für Woche hat er Pfefferkörner mit dem Pinsel in Kohlköpfe verwandelt, Schaumstoffsträucher gepflanzt, Tomaten an Zahnstochern hochranken lassen und winzige Hollywoodschaukeln errichtet. Dann ist er gestorben; weite Flächen zwischen Baumschulenweg und dem Görlitzer Ufer liegen noch immer brach. Und die anderen Clubmitglieder löten lieber wochenlang Ornamente für die Bahnhofshalle, beschriften Waggons oder wienern ihre Loks mit Wattestäbchen, aber ein leidenschaftlicher Gärtner hat sich noch nicht wieder gefunden.

Er sei „kindlich naiv und fröhlich erregt in dieser heilen Welt“, verkündet einer von Mario Klewers Clubkameraden unvermittelt. Und Klewer, als ahne er eine dahin gehende Frage, sagt: „Irgendwie hat doch jeder Mensch eine kleine Macke.“ Soll heißen: Wir sind keine einsamen Pufferküsser, sondern geduldige Bastler, die in geordneten Verhältnissen leben und lieber dem Hobby nachgehen, statt in der Kneipe zu versacken. Beim Sommerfest im vergangenen Jahr haben sie sich sogar mal bei Tageslicht und mit ihren Frauen getroffen – bei einem Vereinskameraden im Garten. Es war ein schönes Fest. Sie mussten nur aufpassen, dass sie nicht über die Gleise der Gartenbahn stolperten.

Informationen zu Club und Projekt:

www.goerlitzer-bahnhof.de

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