Lokführer-Streik der GdL in Berlin : Die Bahn steht still, das Leben geht weiter

Viele Lokführer streiken, die meisten Züge stehen still – die Berliner und ihre Besucher sind zu Aussteigern geworden. Unsere Autorin hat sich an diesem Streik-Samstag in der Stadt umgeschaut.

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Umsteigen, bitte. Obwohl viele Züge ausfielen, kamen die meisten Reisenden an und weg.
Umsteigen, bitte. Obwohl viele Züge ausfielen, kamen die meisten Reisenden an und weg.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Dieser Tag hat viele einsame Helden. Sie stehen am Südkreuz oder am Hauptbahnhof, in Spandau oder am Potsdamer Platz, sind von Menschen umringt und versuchen, ein klein wenig Ordnung ins Chaos zu bringen. „Hauptbahnhof? Hinten die letzte Treppe runter, dann mit dem Bus direkt bis Hauptbahnhof“ – der Eisenbahner am S-Bahnhof Friedrichstraße gibt geduldig Auskunft. Und extrem kundenorientiert. „Sie sind doch jung, haben keinen Koffer, Sie sind am schnellsten gelaufen“, schlägt er einer jungen Frau vor. Für den gehbehinderten Mann überlegt er eine Strecke, bei der alle Umsteigebahnhöfe mit Rolltreppe oder Fahrstuhl ausgestattet sind.

Nee, seinen Namen will der Eisenbahner nicht nennen – „Auskunft gibt nur unsere Pressestelle“ – aber Menschen wie er machen diesen ersten vollen Streiktag in der Hauptstadt erträglicher. Ein Tag, an dem von West nach Ost nur wenige S-Bahnen fahren, während andere Linien in 30- oder gar 40-Minuten-Rhythmus verkehren. Gefahren von Triebfahrzeugführern, die nicht in der Gewerkschaft der Lokführer (GdL) organisiert sind und ihren Dienst tun. Auch wenn die meisten von ihnen den Streik gut finden. „Es werden noch viel mehr die Gewerkschaft wechseln“, sagt ein Eisenbahner, der ausnahmsweise mit dem Bus zur Arbeit fährt. Der Busfahrer guckt fast ein wenig neidisch. „Streik ist das einzige, was manchmal hilft“, sagt er: „Und wehtun muss es, sonst bringt’s nichts.“

Im polnischen Fernsehen wurde ausführlich berichtet

Die Bahn tut einiges, damit es nicht ganz so schmerzt. „Da streiken die Lokführer in ganz Deutschland, aber nicht einmal das hält die Schwaben ab, nach Berlin zu kommen“, flachst ein junger Mann am Hauptbahnhof. Er ist um 6 Uhr morgens in Freudenstadt losgefahren und kurz nach Mittag schon in der Hauptstadt – genau wie Susanne und Eugen Kochanek, die Roswitha Kaack-Gansenhuber in Wilmersdorf besuchen. Vielleicht liegt es an der milden Sonne, dass die meisten Touristen hier sich nicht die gute Laune verderben lassen.

Rafael Rosinski hat seine Bekannte Malgorzata T. zum Bus ins polnische Rzepin gebracht.
Rafael Rosinski hat seine Bekannte Malgorzata T. zum Bus ins polnische Rzepin gebracht.Foto: Sandra Dassler

„Ich habe selten so oft danke gehört“, sagt ein Eisenbahner, der vor dem Hauptbahnhof kostenlos Kaffee und Snacks an Reisende verteilt, die statt mit der Bahn nun ersatzweise mit Bussen nach Leipzig, Dresden oder ins polnische Rzepin fahren. „Im polnischen Fernsehen haben sie ausführlich über den Streik berichtet“, sagt Rafael Rosinski, der seine Bekannte zum Bus gebracht hat. In Rzepin wird sie mit der Bahn weiter in Richtung Warschau reisen.

Ein Rikscha-Fahrer macht nicht mehr Umsatz als sonst

Am Brandenburger Tor tummeln sich genauso viele Menschen wie sonst am Wochenende. Sagt jedenfalls Eberhard Post, der vor seiner Fahrrad-Rikscha auf Kunden wartet. Leider sind es nicht mehr als sonst. „Vielleicht sollte ich am Hauptbahnhof stehen“, sagt er.

Vor dem „Adlon“ trifft gerade ein fideles Damenkränzchen aus Essen ein. „Wir sind am Freitag problemlos hierher gekommen und haben uns schon erkundigt“, sagt eine Frau: „Wir können mit einem Ersatzzug zurückfahren.“

Rikscha-Fahrer und Stadtführer Eberhard Post hatte am Sonnabend trotz des Streiks nicht mehr Kunden als sonst.
Rikscha-Fahrer und Stadtführer Eberhard Post hatte am Sonnabend trotz des Streiks nicht mehr Kunden als sonst.Foto: Sandra Dassler

An der Alten Försterei in Köpenick feiern derweil die Fans des 1. FC Union ihren Heimsieg über den SV Sandhausen. Sie hatten sich gut auf den Streik eingestellt, viele waren mit Auto oder Straßenbahn ins Stadion gekommen. Dort gab es für sie und die ebenfalls auf Autos umgestiegenen Gäste zusätzliche Parkplätze.

Stadt- und Bahnpläne sind gefragt

Drei Frauen aus Panama stehen hilflos am Potsdamer Platz. Eine Familie aus Dänemark erklärt ihnen auf Englisch, was los ist. „Oh, bei uns gibt es auch viele Streiks“, sagt eine der Frauen nach einer ersten Schrecksekunde. „Bei uns auch“, antworten die Dänen. Zwei junge Männer aus London haben die Worte gehört, fragen die Dänen, wie sie zur Berliner Mauer kommen. Kurz darauf beugen sich Engländer, Skandinavier und Mittelamerikaner einträchtig über einen S-Bahn-Plan. Überhaupt haben Stadt- und Bahnpläne an diesem Wochenende Hochkonjunktur. Gleich danach kommen die Smartphones, auf denen vor allem jüngere Reisende oft genervt herumtippen.

Am Anhalter Bahnhof wartet etwa ein Dutzend Roma-Mädchen schon seit zehn Minuten auf die Bahn. Alle tragen bunte Kleider und sind fröhlich, bis drei Bahnpolizisten auftauchen. Sofort sind die Mädchen verschwunden, doch die Polizisten bleiben vor einigen Zechern stehen. „Ausweise und Steuermarke für Ihren Hund bitte? Ach so, der ist ihnen gerade zugelaufen...“. Die Bahn steht still. Das Leben geht weiter.

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