Lona Rietschel und die Abrafaxe : Ein Leben für die Kobolde

Lona Rietschel hat vierzig Jahre lang den Stil der Mosaik-Hefte geprägt. Ihre Figuren stehen noch immer im Zentrum von Deutschlands erfolgreichster Bildergeschichte. Jetzt wurde sie 80.

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Hoch die Torte. Die Abrafaxe gratulieren ihrer „Mutter“ Lona Rietschel. Zeichnung: Mosaik
Hoch die Torte. Die Abrafaxe gratulieren ihrer „Mutter“ Lona Rietschel. Zeichnung: Mosaik

Man muss nur ein paar hundert Meter vom Berliner S-Bahnhof Plänterwald in Richtung Nordosten zurücklegen, bis man in der gleichnamigen Wohnsiedlung vor einem Klingelschild mit dem Namen Rietschel steht. Hier wohnt seit mehr als vierzig Jahren die Zeichnerin Lona Rietschel, die die Abrafaxe erfunden hat. Irgendwie passt es, dass diejenige, deren Figuren unzähligen DDR-Bürgern – und inzwischen auch vielen Menschen in Ost und West – Momente der Sorglosigkeit und des Vergnügens bereiteten, nur einen Steinwurf entfernt lebt vom ehemals größten Vergnügungspark der DDR.

Die abenteuerlichen Bildergeschichten der drei Kobolde Abrax, Brabax und Califax, mit denen hunderttausende Leser durch Raum und Zeit reisten, erfreuten sich in der DDR großer Beliebtheit. Trotz Millionenauflage waren die Hefte oft schon kurz nach Erscheinen ausverkauft. Die Comicserie ist eines der wenigen Kulturgüter, das den Transfer aus dem Sozialismus in die kapitalistische Marktwirtschaft überlebt hat. Gerade ist Heft 453 erschienen. Die Mosaik-Hefte sind einer der längsten Fortsetzungscomics der Welt. Lona Rietschel hat einen immensen Anteil an diesem Erfolg.

Die 1933 geborene Zeichnerin träumte im zerbombten Berlin davon, Modezeichnerin zu werden. 1949 begann sie an der Fachschule für Textil und Grafik in Friedrichshain ein Modegrafikstudium, dem sie ihre Ausbildung in figürlichem Zeichnen verdankt. Nach drei Jahren wollte sie etwas Lustigeres machen und wechselte in eine Klasse für Zeichentrickfilm an die Meisterschule für das Kunsthandwerk in Charlottenburg. Als die DEFA-Studios für Trickfilme Mitte der fünfziger Jahre von Potsdam nach Dresden verlegt wurden, hätte Rietschel mitziehen können. Sie aber blieb in Berlin, dessen Teilung in der Luft lag.

Gerne würde sie auf eigene Initiative weiterzeichnen - das darf sie aber nicht

1960 holte Hannes Hegen, der seit 1955 mit den Digedags den Grundstein der Mosaik-Hefte legte, die talentierte Zeichnerin in sein Karlshorster Haus. Fünfzehn Jahre zeichnete Rietschel unter ihm; es waren ihre prägendsten Jahre. Wehmütig erinnert sie sich an die angenehme Arbeitsatmosphäre unter dem „Vater“ der Mosaik-Hefte. Es gibt keine positive Mosaik-Erinnerung, die sie nicht mit Hegen verbindet. 1975 aber verlässt dieser die Mosaik-Redaktion – im Streit. Rietschel macht das bis heute zu schaffen.

Die Zeichnerin vom Plänterwald: Lona Rietschel.
Die Zeichnerin vom Plänterwald: Lona Rietschel.Foto: Thomas Hummitzsch

Zur selben Zeit begann sie, mit ihrem kürzlich verstorbenen Mann Kurt die Dekoration bei den alljährlichen Spendenbällen des Berliner Tierparks zu gestalten – zweimal im Jahr, bis 1989.

Das Mosaik-Kollektiv zieht derweil von Karlshorst ins Stadtzentrum, in die Räume des Verlags „Junge Welt“ in der Mauerstraße. Für den Verlag erfand sie mit Lothar Dräger die drei Abrafaxe, die seither im Mittelpunkt der Mosaik-Hefte stehen. Bekamen westeuropäische Heranwachsende mit Tim und Struppi oder Asterix Wissen und Kulturgeschichte eingeimpft und Amerikaner mit Donald Duck und Micky Maus, übernahmen in der DDR die Kobolde Abrax, Babrax und Califax diese Funktion. Die Leser waren begeistert, vor allem weil die historischen Geschichten nicht politisch-ideologisch durchdrungen waren.

Nach der Wiedervereinigung, die Rietschel verhalten ängstlich abwartete, sicherte sich der Westberliner Werbefachmann Klaus D. Schleiter die Rechte an den Abrafaxen. Die Redaktion zog nach Westend, wo Rietschel noch bis zum Eintritt in ihre Rente 1999 ihre Kobolde zeichnete – insgesamt fast 25 Jahre lang. Gern würde sie, wie der späte Donald-Duck-Zeichner Carl Barks, gern noch ein paar Kunstwerke mit ihren Figuren auf eigene Faust machen. Da die Urheberrechte für ihre Figuren aber nicht bei ihr liegen, darf sie die Kobolde nur noch für den Verlag zeichnen. Die Mutter der Abrafaxe“ hat das Gefühl, ihr seien ihre Kinder entzogen worden – auch diese Tragödie gehört zu Lona Rietschel, die ein Leben für die Bildergeschichte gelebt hat. Beim diesjährigen Comicfestival in München wurde sie dafür mit dem PENG!-Preis ausgezeichnet. Am vergangenen Sonnabend feierte sie ihren 80. Geburtstag.

Lona Rietschel: Bilder meines Lebens. Mosaik Steinchen für Steinchen, 96 Seiten, 16,90 Euro

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