Berlin : Lotte Reitel (Geb. 1925)

Sie sprach dann nicht mehr von Wien, eine Weile lang

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Es gab Kaffee, zu Hause zum Frühstück oder aus einer Thermoskanne am Rand der Landstraße auf dem Weg ins Erzgebirge oder bei der Tochter, die ihn türkisch aufbrühte. Und es gab „eine schöne Tasse Kaffee“. Für eine schöne Tasse Kaffee kam nur der Nachmittag infrage, wenn der Tag noch nicht zu Ende gegangen, der Abend aber schon zu spüren war. Eine Viertelstunde vor vier nahm Lotte die Kanne mit dem Weinblattdekor aus der Anrichte, setzte den Porzellanfilter ein, füllte das Kaffeepulver hinein und goss dann langsam das Wasser auf. Der Höhepunkt zu einer jeden Tasse schönen Kaffees aber war die Schokolade. „In Wien“, sagte Lotte, „essen die feinen Leute immer Schokolade dazu.“

Nicht ein einziges Mal ist sie in Wien gewesen. Trotzdem sprach sie immerzu von Wien, sagte: „Wiiien“, schwärmerisch in die Länge gezogen. Sie kannte die Stadt nur aus dem Fernsehen, vor allem aus den „Sissi“-Filmen, die sie sentimental nannte und sich dennoch jedes Jahr zu Ostern und Weihnachten ansah. „Die arme Romy Schneider“, sagte sie dann, „ein Leben lang ist sie nicht von dieser verkitschten Rolle losgekommen.“

Manchmal, wenn sie es mit ihrem Wienfimmel übertrieb, herrschte Karl, ihr Mann, der sonst nie aus der Haut fuhr, sie an: „Hör endlich auf mit diesem Unsinn.“ Sie sprach dann nicht mehr von Wien, eine Weile lang, presste die Lippen aufeinander und räumte das Kaffeegeschirr ab. Andererseits, mochte sie wohl denken, hat er sich endlich einmal echauffiert. Denn für gewöhnlich wahrte Karl die Haltung, war immer höflich, korrekt, gerecht, in allem, zu jedem. Hin und wieder gelang ihm auch ein Scherz, und dann konnte es passieren, dass er lachte, bis er sich verschluckte. So wie damals, noch während des Krieges, als sie ihm sagte, sie komme aus einem Dörfchen im Erzgebirge. „Nennt man die Leute dort nicht Mondputzer“, fragte er, „weil sie in wolkenverhangenen Nächten auf einen Hügel steigen und den Mond wieder blank schrubben?“ Er schüttete sich aus über seinen Witz, und irgendwann lachte sie mit ihm, und es fühlte sich gut an. Sie schrieb ihm Briefe an die Front, die seinen legte sie sorgfältig übereinander und band sie mit einer hellblauen Seidenschleife zusammen, so, wie es die Heldin in einem ihrer Mädchenromane getan hatte.

Als Karl zurückkehrte aus der Gefangenschaft, mager und ernst, trat er vor Lotte, verbeugte sich ein wenig linkisch und stellte die Frage, auf die sie gehofft hatte. Zum Hochzeitsfest gab es Suppe und falschen Hasen, und während des Apfelkompotts stand Karls Vater auf und hielt eine kurze Rede über die bessere Zukunft, die endlich alle verdient hätten. Danach stieg das Brautpaar in den Zug und fuhr für drei Tage ins Erzgebirge.

Lotte mochte ihr Leben, mochte es, die kleine Berliner Wohnung einzurichten, mit dem Staubtuch über die Möbel zu wischen, die Geranien am Fenster zu gießen und am Abend den Tisch für Karl zu decken. Sie mochte es, mit gewölbtem Bauch Hosen und Hemdchen zu nähen und mit dem Kind dann von einem Zimmer ins nächste zu laufen und Lieder zu singen. Zu sehen, wie das Mädchen größer und eine gute Schülerin und zum Medizinstudium zugelassen wurde und die Nachbarin sie fragte: „Wie geht’s denn der Frau Doktor?“

Und plötzlich war es möglich, im November 1989, sie hätte einfach eine Bahnkarte kaufen und nach Wien reisen können. „Zu deinem Geburtstag fahren wir“, sagte Karl. Aber dann fiel er auf den Wohnzimmerboden und stand nicht mehr auf. Lotte rannte zur Nachbarin, die Nachbarin rief die Tochter an, die Tochter beugte sich über ihren Vater und nahm dann ihre Mutter in den Arm.

„Ich fahre mit dir nach Wien“, sagte sie nach der Beisetzung. „Nein“, erwiderte Lotte. Mehr nicht.

Es war ein schlichtes Leben, das Lotte führte, die letzten Jahre. Manchmal kam es ihr vor, als wolle die Zeit überhaupt nicht vergehen, doch schaute sie zurück, erkannte sie die Täuschung.

Im Mai dieses Jahres starb sie nach einem Schlaganfall.

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