Berlin : Louis Austin sang in Hotelbars - bis ihn ein Diskjockey entdeckte

Nils Michaelis

"Austria?"; fragten ihn etliche Amerikaner, "ist das nicht das Land, wo die Känguruhs leben?" Louis Austin, der Wiener in Las Vegas, nahm solche Nachfragen stets gelassen hin und erklärte höflich, dass die Beuteltiere aus Australia kommen, Austria hingegen für das Edelweiß zuständig sei. Ein Gentlemen der alten Schule. Ein Wiener, den es als Nightclub-Entertainer in die Hotelbars von Las Vegas verschlagen hatte. Dort konnte er sich einen bescheidenen Ruf als europäische Antwort auf Frank Sinatra und Dean Martin aufbauen. Irgendwann ließ sich davon sogar leben, gar nicht schlecht sogar. Doch bis in die Hall Of Fame wollten die Amerikaner den Nobody aus dem Nowhere-Land nicht vordringen lassen. Um so erfreuter ist der 54-jährige Austin nun, dass er in seiner Wiener Heimat als Sänger wiederentdeckt worden ist: als Teil eines futuristischen Elektronikprojekts.

Sein Weg um die Welt begann an einer Wiener Universität, wo er Operettengesang und Schauspiel studierte. Doch die lebensferne Luft des Konservatoriums ein Leben lang atmen zu müssen, war ihm eine unerträgliche Vorstellung. Austin wäre wohl erstickt. So zog es ihn zum Entertainment. Doch wer sich in diesem Fach nicht an die engen österreichischen Erwartungen halten wollte, musste ins Ausland. "Das Problem in Österreich war früher, dass es nur eine Fernsehsendung gab, die Unterhaltungsmusik brachte. Und wenn man denen nicht gefiel, konnte man seine Karriere an den Nagel hängen." So ging Austin zunächst nach Südafrika. Dort fand er eine schizophrene Welt vor, zerschnitten von jener Schere, die Rassismus heißt: "Für Schwarze gab es dort eigene Busse, Bänke und Strände. Sie wurden wie Wesen vom Mars behandelt. Schwarze Mitarbeiter waren keine Partner, sondern Diener. Ich hab es dort nur ein paar Monate ausgehalten." Es folgte ein Aufenthalt in Australien. Doch auch hier reichte es nur zur Stippvisite: Countrymusik, die das Landleben glorifiziert, war dort Mitte der siebziger Jahre tonangebend - nichts, womit sich der Kosmopolit aus der Donaumetropole wirklich hätte identifizieren können. Also weiter.

New York, Las Vegas, Amerika! Doch wie den Fuß in die Tür bekommen? "Ich habe nun einmal eine Stimme, die Frank Sinatra und Dean Martin ähnelt. Und obwohl es gar nicht mein Ziel war, ihren Weg zu gehen, wurde ich in diese Richtung geschubst. Und man ist am Anfang froh, wenn man überhaupt geschubst wird." Austin blieb lange ein Außenseiter. Er lernte den amerikanischen Blues gewissermaßen von innen kennen. Aber das Land der unbegrenzten Möglichkeiten lehrte ihn noch etwas anderes: für Neuankömmlinge gibt es vielleicht keine Karrieren, aber immerhin Jobs. "Die Amerikaner sind manchmal wie kleine Kinder mit alten Gesichtern. Das Gegenteil jener Charaktere, die Kafka schilderte. Aber das darf man ihnen nicht als Oberflächlichkeit auslegen, denn sie sind letztlich auch sehr offen und neugierig." Vor allem bot ihm die amerikanische Unterhaltungsmaschine hinreichend Gelegenheit aufzutreten: in Fernsehstationen, Golfclubs und Hotelbars fand Austin sein Auskommen. Als Außenseiter zieht er heute eine nüchterne Bilanz: "Ich sehe meinen Beruf als ein Handwerk, wie das des Schneiders oder Schusters. Der abgehobene Rummel, der im Showgeschäft entsteht, ist mir fremd."

In Amerika besann er sich auf seine schauspielerische Ausbildung, die durch den Einfluß des Method Acting neu belebt wurde. Method Acting lehrt Schauspielern, ihre Rollen nicht wie einen Mantel umzuhängen. Die schauspielerische Leistung besteht darin, eine Rolle mit der persönlichen Empfindung des Schauspielers auszufüllen - nur dann kann er wirklich überzeugen. Eine Idee, die Austin faszinierte: Als Künstler blieb ihm dies ein Leitbild, als Entertainer im Fahrwasser eines Dean Martin ein uneinholbares Ideal. Er erklärt heute: "Wenn man auf der Bühne steht und die Hosen voll hat, dann sollte man ein Lied darüber singen, dass man die Hosen voll hat. Die Leute merken sonst, dass man ihnen etwas vormacht."

In seiner österreichischen Heimat begann man ihn indessen mit anderen Augen wahrzunehmen. Das Wien der frühen Neunziger Jahre war bis über beide Ohren mit elektronischer Musik und Easy Listening, beschäftigt. Die Idee der Revitalisierung einer Musik, die gleichzeitig die Leichtigkeit feiert und dennoch auf hochkomplizierten Sturkturen basiert, zog kreative Köpfe an: Ein Verkünder des Easy Listening wie Combustible Edison bekannte sich schwärmerisch zu James Last und selbst Ex-Punks trugen schwarz, als 1998 Frank Sinatra starb. Die Zeit war reif für Louis Austin - er musste nur noch entdeckt werden. Der Elektroniktüftler Mario Neugebauer und der Hotel-Entertainer trafen dann in einem Boxstudio aufeinander. Der erste Höreindruck der Neugebauerschen Tracks beeindruckte Austin nachhaltig. Hier fanden sich die seelischen Abgründe, die er sich als Bewunderer des Method Acting immer aneignen wollte. "Diese Musik erzeugt eine neue Innenschau in mir und ermöglicht es Dinge zu sagen, die man sonst nicht ausdrücken könnte. Obwohl wir als Menschen ja eher visuell ausgerichtet sind, ist es der Musik vorbehalten, bestimmte Stimmungen zu formulieren oder anzudeuten."

Austin will kein akustischer Messias sein. Neugebauers Musik entwirft für ihn eine elektronische Perspektive, den weltlichen Leidensdruck zu verarbeiten. "Gefühle rülpsen dürfen, ohne Rücksicht auf Zielgruppen" nennt er das. Ob es dafür ein Publikum gibt? Austin weiß es nicht. Österreichs Presse geizte nicht mit begeisterten Reaktionen auf die von Austin und Neugebauer eingespielten CD "Consequences": Der verlorene Sohn wird willkommen geheißen.Louis Austin spielt morgen ab 00 Uhr im WMF

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