Berlin : Love Parade: Bleichgesichter gegen schwarze Schafe

Helen Ruwald

Hauptsache Schrill. Und laut. Und bunt. Die Hose wird gewickelt, der Busen notdürftig mit irgendwelchen Lappen bedeckt, die Technomusik wummert noch tagelang im Kopf. Die Wagen sind rotgrünoliv oder türkisorangeocker. Das ist Raver-Gesetz, ungeschrieben, aber unumstößlich. Doch da, was ist das? Von dem Schiff auf Position elf winken Aliens. Marsmännchen, die sich mit ihrem Raumschiff verirrt haben, können es nicht sein. Die sind grün, aber die Besatzung besteht aus seltsam blassen Gestalten. Ganz in weiß sind sie gehüllt, weiß ist auch ihr Boot, die "ms.oneworldoneparadeoneboat".

"Die ganze Love Parade ist bunt mit schreienden Leuten. Wir sind der Kontrast", kündigt Robert Kaiser von "snacker.de" an, einem von sechs Startup-Unternehmen, die als Bleichgesichter auf dem Wagen des Programmhefts "Summerlove 2000" feiern werden. Sie bieten den neuesten Schrei im Internet an: Die Suche nach dem nahesten Call-a-Sushi oder Call-a-Döner ( www.snacker.de ), Webseitenbau zu Anlässen wie "Jürgen hat Geburtstag" ( www.inomics.com ) oder sprachgeführte Internet-Touren ( www.datango.de ). www.yellout.de macht das Blättern in den Gelben Seiten überflüssig, eurostream.de lockt mit Internet-Fernsehen und yoolia.com "selektiert Qualität" bei Links zu allem und jedem.

Die Jungunternehmer fordern "mehr Weis(s)heit im Netz": mehr Transparenz, Schutz vor Kriminalität und Rassismus. Und was tun sie konkret gegen Kinderpornografie und Nazipropaganda? Da könne man nicht viel tun, gibt Hauke Fischbeck zu, "das ist ein Ehrenkodex". Mit den Betreffenden werde man natürlich nicht kooperieren.

Und wer mit einem weißen Netz gegen schwarze Schafe vorgeht, der präsentiert sich natürlich auch auf der Love Parade in weiß auf weiß. Die Logos der Unternehmen werden nur klitzeklein sein. Es gehe nicht so sehr um PR, erklären die Revolutionäre der neuen Kleiderordnung, die teilweise noch nicht einmal auf dem Markt präsent, geschweige denn bekannt sind. Aber dennoch keine PR-Aktion, klar. Fun wollen die Mitarbeiter, Winke-Winke machen, "wir losen aus, wer von uns auf den Wagen darf", verrät Patrick Setzer. DJs statt Redner, die den Kampf für ihre hehren Ziele hoch auf dem weißen Wagen führen, tapfer anschreiend gegen das Techno-Gedröhn. Die Raver, altersmäßig Internetfreaks und künftige Kunden, sollen sich staunend ins Ohr brüllen, wer die weißen Sonderlinge überhaupt sind. Wenn sie denn tatsächlich alle weiß sind. Auf dem Wagen wird nämlich auch eine Abordnung aus Tel Aviv sitzen. Ob die die Kleiderordnung einhält, ist ungewiss.

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