• Love Parade: Für die einen ist es die Love Parade, für die anderen die größte Drogenparty der Welt

Berlin : Love Parade: Für die einen ist es die Love Parade, für die anderen die größte Drogenparty der Welt

Stephan Wiehler

Zum Rausch gehört ein Rythmus: Bummbummbummbummbumm. Aber mit der Dröhnung der Beats werden sich viele Techno-Fans nicht begnügen. Ecstasy, Speed und andere Party-Drogen geben ihnen den Extra-"Kick", um den Tanzmarathon im Tiergarten und die Clubnächte durchzustehen. "One World - One Love Parade", so lautet das Motto. Für die Gewerkschaft der Polizei (GdP) aber ist die Love Parade die "größte Drogenparty der Welt". Den Umsatz der Drogenhändler schätzt die GdP auf rund 50 Millionen Mark.

Trotz der Warnungen von Suchtforschern vor schweren Gehirnschäden durch Ecstasy-Konsum können Händler auch in diesem Jahr auf den großen Deal hoffen. Für die Kunden sei der Konsum der bunten Pillen "russisches Roulette", warnt der Leiter des Rauschgiftreferats im Landeskriminalamt, Kriminaldirektor Rüdiger Engler. "Der Erwerber weiß nie, was er kauft".

20 Festnahmen und mehrere Haftbefehle wegen Rauschgifthandels zählte die Polizei im vergangenen Jahr. Im Angebot war das gesamte Sortiment illegaler Rauschmittel: von Haschisch und Marihuana bis Kokain und Heroin - und natürlich Amphetamine wie Ecstasy, in der Szene kurz "E" genannt. Was die bunten Pillen mit den eingeprägten Sternchen, Herzen oder Smilies tatsächlich enthalten, sei unterschiedlich, die Wirkung daher unberechenbar, sagt Engler.

Wie gefährlich die Glücks- und Tanzdroge der Techno-Kids ist, zeigt eine Studie der Hamburger Forschungsgruppe "Designer-Drogen". Der Wirkstoff regt die Ausschüttung des Nerven-Botenstoffs Serotonin an. Regelmäßiger Konsum, so fanden die Forscher unter Leitung des Psychiaters Rainer Thomasius vom Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf heraus, könne Gedächtnisverlust, Verfolgungsängste, Depressionen und schizophrene Bewusstseinszustände herbeiführen.

Amüsement bis zur Verblödung - in den Köpfen vieler Jugendlicher dient "E" als neuroaktiver Tempomacher auf den Tanzflächen der Techno-Clubs. Für Nachschub ist gesorgt, obwohl Drogenfahnder in den letzten Monaten gleich zweimal große Mengen Ecstasy beschlagnahmten. Zuletzt am Mittwoch vergangener Woche fand Englers Truppe in einer Wohnung in Prenzlauer Berg 12 500 Ectasy-Pillen, 1000 LSD-Trips und 233 Gramm Amphetamine. Als Dealer wurde ein 30-Jähriger festgenommen. Möglich, dass die Pillen für die Love Parade bestimmt waren.

Rund 30 000 Ecstasy-Tabletten stellte die Polizei im Februar auf einem Parkplatz in Lichtenrade sicher und nahm drei mutmaßliche Drogenhändler fest. Es war die größte Menge, die bisher in Berlin beschlagnahmt wurde. "In diesem Fall kam der Stoff aus Polen." Noch vor zwei Jahren, so Engler, seien rund 99 Prozent der Pillen aus Holland gekommen. Inzwischen, schätzt er, ist rund ein Drittel polnischer Herkunft.

Doch gegen die Menge der Muntermacher, die auf der Love Parade kursieren, sind selbst solche Funde Peanuts. Rund ein Drittel der Love-Parade-Teilnehmer, schätzt Tibor Harrach vom Verein "Eve & Rave", hat Ecstasy-Erfahrung. Der Preis pro Pille schwanke zwischen 8 und 30 Mark, "je nach Connection und Menge", sagt der Vorsitzende des Vereins, der die Risiken des Ecstasy-Konsums vermindern will. "Was man angeboten bekommt, ist meistens kein Ecstasy", sagt Harrach, von Beruf Apotheker. Oft würden "Blender", etwa Kopfschmerztabletten, verkauft oder Speed und Amphetamine mit unkalkulierbarer Wirkung.

Die über 800 Sänitäter und 40 Ärzte können damit rechnen, dass die Love Parade für einige halluzinierende Pillenschlucker zum Horror-Trip mutiert. "Nervenzusammenbrüche, Angstzustände und Wahnvorstellungen bis hin zum Ausbruch einer durch Drogen ausgelösten Psychose" erwartet die Psychologin Ulrike Haase vom Berliner Krisendienst, der sich mit Psychologen und Sozialarbeitern um zugeknallte Grenzgänger kümmert oder sie - in Zusammenarbeit mit Polizei und Feuerwehr - notfalls in psychiatrische Kliniken vermittelt: Chill Out beim Nervendoktor.

Auf Vorbeugung und Aufklärung setzt der Drogennotdienst mit einem Informationspavillion an der Straße des 17. Juni Ecke Schleusenweg nahe S-Bahnhof Tiergarten. 20 Helfer versorgen die Tanzwütigen dort in Schichtarbeit mit kostenlosen Mineraldrinks, Obst und Kondomen - angeschlagene Techno-Fans können im Chill-Out-Zelt eine Auszeit nehmen. "Uns geht es um Risiko-Minimierung", sagt Stefan Wiedemann. Der Suchtexperte empfiehlt alkoholfreie Getränke und Tanzpausen. Riskant sei besonders die Mischung von Alkohol, Haschisch, Ectasy und anderen Drogen. Der Drogennotdienst ist auch telefonisch zu erreichen. Die Numer: 19237.

Auch nach Einschätzung des Leiters im Rauschgiftreferat des LKA führen Alkohol und Cannabis die Rauschmittelliste der Raver an. Der markante Duft qualmender Joints wird den Tiergarten durchziehen. Den Eindruck, dass die Polizei beim Großeinsatz auf der Love Parade bei Kiffern schon mal ein Auge zudrückt, weist Rüdiger Engler allerdings zurück: "Wenn Polizisten das sehen, müssen sie einschreiten." Bei der Polizei gelte Null Toleranz auch gegenüber "weichen" Drogen. Vom kollektiven High werden die 2000 Beamten die Raver-Gemeinde aber kaum herunterholen können.

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