Berlin : Love Parade: Lasst die Popos sprechen

Deike Diening

Als vor ein paar Wochen Madonna zum Konzert kam, war eine Berlinerin bereit, für eine Karte ihren Körper einzutauschen - ins Bett für Madonna. Die Währung, mit der man einen Platz auf einem Wagen der Love Parade bekommt, war 12 Jahre nicht öffentlich bekannt. Wohl wegen dieses das Verlangen steigernden Geheimnisses kochte die Begierde derart hoch, dass zwei junge Mädchen am Mittwochabend in einem Charlottenburger Fitnessstudio, in dem sie auf die Frage antworten sollten, was sie für einen Platz auf einem Wagen zu tun bereit wären, mit "Alles!" herausplatzten. Und dazu lächelten. Eine der beiden trug eine neongelbe Abwandlung von Bikini, der ab dem Knie abwärts noch Stulpen hatte, die andere einen schwarzen Bikini und ein schlackerndes Pailettenviereck über dem Po.

Es ist Casting. Wagencasting. RTL 2 schenkt zehn Leuten, die gut aussehen und tanzen, einen Platz auf dem Love-Laster. Man konnte sich im Internet bewerben und Fotos einschicken und ein Bewerbungsschreiben. Jetzt stehen noch 14 Leute da. Choreograph "Dee" wählt aus. Er saß in der Jury für die Doku-Soap "Popstars".

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TED: Hat die Love Parade noch Kultcharakter? "Bedenkt", sagt Dee einleitend, "ihr seid im Fernsehen. Das Wichtigste ist, dass euch die Gesichter nicht entgleisen. Das sieht bei den Close-ups nicht so gut aus." Norman Hoffmann, 25, ist irritiert. Er wusste nicht, dass es ein Wetttanzen gibt, und dachte, es ginge um ein fantasievolles Kostüm. Jetzt steht er hier in seiner Fantasie, mit Federn auf dem Kopf, einem glittrigen blauen Rock, spitzen, silbernen Brustkegeln - einem Kostüm, das er zusammen mit "der besten Oma der Welt" in Alt-Glienicke gebastelt hat. "Ey scheiße", sagt er, "vortanzen".

Zuerst in der Gruppe, dann einzeln. Dann in Paaren. Die Musik brüllt los und man fängt an zu zucken. Einige eckig, die meisten geschmeidig. Ein untersetzter Tätowierter lässt sich fallen. Nur sein Becken zuckt noch. "Sehr gut" sagt Dee. Die Freundinnen Nicole und Miriam, ("Alles!") tanzen zusammen und haben das wohl schon lange geübt. Rückblickend war also jede Party, jedes Wochenende des vergangenen Jahres eine Trainingseinheit für dieses Casting. Dee schaut zufrieden. So blickt ein Pferdezüchter auf seine Zuchthengste.

Schon kann man es nicht mehr so recht unterscheiden: Kreisen die Kameras um die Pos oder die Pos um die Kameras? Dees Auswahlkriterium scheint Biegsamkeit zu sein. Die Biegsamen biegen sich allein und umeinander. Die Biegsamen sind es, die er nicht nach Hause schickt. Norman mit dem Fantasiekostüm ist noch dabei. "Hast du für Samstag auch noch ein anständiges Outfit?" fragt Dee die Frau in Jeans, und verbessert sich gleich selber, dass er damit "natürlich ein unanständiges" meint. Sie sagt, sie hat. Sie käme bloß gerade von der Wiese.

"Ist das hier jetzt eine Ehre?" fragt Lea, als wüsste sie nicht, dass sich alle drum reißen. Aber man weiß nicht, ob ihr bewusst ist, was das bedeutet: Wer gewinnt, hat das Privileg, über sechs Stunden auf dem Wagen zu tanzen, alles, was frei schwingen kann, in die nimmersatten Kameraaugen zu halten und darauf zu achten, dass die Gesichter nicht entgleisen.

Jetzt kommt ein zweiter Durchgang. "Lasst Euch nicht wegdrängen, wenn ein starker Tänzer kommt. Ihr müsst voll einsteigen, mitmachen." Und da machen sie dann auch mit, als Giovanni Stefano Seeger vor ihren Augen zur Musik explodiert. Sie bewegen ihre Becken aufeinander zu, und lassen die Zunge aus einem Mundwinkel hängen. Sieht professionell aus. Beinah zu sehr. Und da begreift man, dass RTL 2 hier nicht zehn lustigen Leuten, die gerne tanzen, einen Tag auf dem Truck gönnen will. Sonst hieße das ja auch nicht Casting. Hier ist Leistung gefragt, tanzen wie die Profis, die GoGos. Und wer so etwas dann nicht bloß für Geld macht, sondern aus Überzeugung und für ein Lächeln, der tanzt ja sowieso noch viel besser auf dem Karren, vor den er gespannt ist.

Dee hält sich mit dem Daumen den Mund fest, der sich bis zu den Ohren zu einem Grinsen verziehen will. Anerkennend blickt er auf seine Herde. "Sehr gut, sehr gut, geht euch jetzt was zu trinken holen". Und zu den Mädchen sagt er tatsächlich: "Ab auf die Wiese".

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