Berlin : Love Parade: Liebes-Perlen

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"Ey, sind wir schon am Tiergarten?" Es ist Sonnabend, 13 Uhr. Die S-Bahn ist schon jetzt so voll, dass die beiden Italiener nicht mehr die Stationen sehen können. Die anderen Fahrgäste gucken entnervt, auch wegen der ohrenbetäubenden Trillerpfeifen. Am S-Bahnhof Tiergarten fährt die Bahn einfach vorbei. Die Massen strömen am Zoo aus der Bahn und tänzeln über die Hardenbergstraße in Richtung Ernst-Reuter-Platz. Am Straßenrand stehen mit erwartungsvollem Blick dutzende Verkäufer mit Trillerpfeifen, Sonnenbrillen und Bierdosen.

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Foto-Tour: Love Parade in Bildern Bunte Fellstulpen an den Beinen, Glitzerhemdchen und kunterbunt gefärbte Haare scheinen wie im letzten Jahr bei den Ravern "in" zu sein. Sonnenblumen hingegen machen sich rar. Ein Stand auf der Straße des 17. Juni, der neben Kondomen und Schmalzstullen auch frische Sonnenblumen verkauft, bleibt auf seinen Sträußen sitzen. "Die gehen bis jetzt noch nicht so gut", sagt der Verkäufer. Nebenan ist eine lange Schlange: Hier kann man sich ein "Airbrush-Tattoo" auf den Arm sprühen lassen.

Eine Warteschlange auch an einer von vier Gepäckaufbewahrungen für die angereisten Raver. Trotzdem ist der Raum an der Hardenbergstraße nur spärlich mit Taschen gefüllt - "es werden ja dieses Jahr nur halb so viele Leute erwartet", sagt der junge Mann, der die Taschen entgegennimmt.

Mit einem Fotoapparat bewaffnet stehen Astrid aus Berlin, "so um die 60", und ihre Freundin Kristina aus Polen nebst Ehemann fasziniert in der Menschenmenge. Kristina lacht: "Ich finde es super hier, leider kommen wir nur 30 Jahre zu spät." Mittanzen würde sie nicht mehr. Kerstin und Carola aus Charlottenburg haben in diesem Jahr erstmals ihre Kinder Melina und Eric, beide achtjährig, dabei. Haben die Mütter keine Angst, dass die Kleinen in dem Gedrängel verlorengehen? "Nein, wir passen gut auf!" Die Kinder sind begeistert: "Ich mag die Musik", verkündet Melina und trillert ein bisschen auf ihrer Pfeife.

Zwischen den jungen Leuten fallen zwei beleibte, unauffällig gekleidete Männer auf. Das sind Herr Graf und Herr Sieg-Harter aus Passau. Sie sind "nur wegen der Love Parade gekommen", Sonntag früh fahren sie wieder heim. Herr Sieg-Harter, 51 Jahre alt, hat sich die Veranstaltung etwas anders vorgestellt: "Ich habe viel mehr nackte Haut und Tangas erwartet." Außerdem seien ihm in Bayern einige Gerüchte über die "Love Parade" zu Ohren gekommen. "Stimmt es, dass es hier Sex-Partys geben soll?", fragt Sieg-Harter. Dann blickt er über die Tänzer und Wagen hinweg in Richtung Siegessäule und zeigt auf das Charlottenburger Tor: "Das ist doch der Reichstag, oder?"

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