Berlin : Love Parade mit Regenbogenfahne

Beim Umzug zum Christopher Street Day tanzen längst nicht mehr nur Lesben und Schwule

Matthias Oloew

In Zehnerreihen stehen sie am Wittenbergplatz, auf der Kleiststraße haben sie Campingstühle aufgestellt und es sich beim Bier aus der Kühltasche bequem gemacht. Die Zuschauer kamen am Sonnabend wieder zu Zehntausenden, um den Zug zum Christopher Street Day zu sehen. Und die Teilnehmer zu fotografieren oder zu filmen: Drag Queens mit aufwändigem Styling, verkleidete Gruppen im blau-gelben Europa-Look oder im Stil römischer Legionäre – viele bunte Motive für das Fotoalbum zu Hause. Damit ist der Christopher Street Day genauso wie der Karneval der Kulturen und die Love Parade ein Spektakel geworden, das in der Stadt die Massen anzieht und zum Mitmachen einlädt.

Gerhard Hoffmann, ehemaliger Wirt des „Anderen Ufer“ – eine der ältesten Schwulen-Kneipen der Stadt, in der auch David Bowie Gast war, als er in Berlin lebte –, freut sich über die Resonanz: „Es ist toll, dass alle zusammen feiern.“ Er erklärt die zunehmende Aufmerksamkeit der Parade mit der öffentlichen Diskussion. „Da hat es zwei Schübe gegeben“, so Hoffmann weiter, „einmal in den Achtzigern durch die Aids-Epidemie und in den letzten Jahren durch die Diskussion um die Homo-Ehe.“ Dadurch sei das Thema Homosexualität in das Bewusstsein breiter Bevölkerungsteile gekommen. Ähnlich erklärt er sich auch den Erfolg des lesbisch-schwulen Stadtfests am Nollendorfplatz, das mittlerweile eines der bestbesuchten Feste Berlins ist.

Manuela Kay, Redakteurin des Szene-Stadtmagazins „Siegessäule“, sieht das ähnlich: „Man muss heutzutage nicht einmal mehr schwul oder lesbisch sein, um beim CSD Spaß zu haben.“ Für sie ist die Massenbewegung Christopher Street Day ein Zeichen für die gesellschaftliche Akzeptanz: „Das Thema ist salonfähig geworden.“

Sie sieht aber auch die andere Seite der Medaille: „Leute meiner Generation um die vierzig können sich bei diesem Massenspektakel nicht mehr wiederfinden. Vor zehn Jahren hat man beim Zug noch alle seine Freunde getroffen, heute ist man eher für sich unterwegs.“ Ihr Fazit: „Der Erfolg des CSD hat uns überrollt.“ Um den familiären Touch der Demonstration wieder zu beleben, fordert sie, über den Charakter des Tages neu nachzudenken: „Vielleicht lässt sich die Demo unterwegs mit neuen Aktionen verbinden, damit die Parade für die Teilnehmer interaktiver wird.“

Für die mehreren Hunderttausend war die Parade am Sonnabend vor allem ein großer Spaß. Zuschauer hakten sich bei den Tänzern des lesbisch-schwulen Tanzsportvereins „Pink Ballroom“ unter, bewunderten die Waschbrettbäuche der GoGo auf den vielen Diskowagen der Parade oder ließen sich von mehreren Drag Queens gleichzeitig knutschen und als Entschädigung Gummibärchen zustecken. Auch Stefan Liebich, Fraktions- und Landesvorsitzender der Berliner PDS, ist gerne mit von der Partie, „weil es die lustigste Veranstaltung der Stadt ist und sie es außerdem schafft, ein wichtiges Anliegen mit einem hohen Spaßfaktor zu vermitteln“. Neben Liebich waren auch Politiker aller anderen Parteien im Zug dabei.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben