Berlin : Love-Parade-Route: Krise statt Liebe

Matthias Oloew

In Feierlaune ist an diesem Tisch niemand. Wirtschaftssenator Wolfgang Branoner (CDU) und die Veranstalter der Love Parade haben am Freitagnachmittag bei einer internen Sitzung die Köpfe rauchen lassen. Ihr Problem: Der Widerstand in der Stadt gegen die Route des Technospektakels durch den Tiergarten wächst. Und den angestammten Termin, am zweiten Sonnabend im Juli, hat die Bürgerinitiative "Rettet den Tiergarten" für ein eigenes Straßenfest blockiert. Mit dem Tag davor oder danach sind die Love-Parade-Macher genauso wenig glücklich wie die Verwaltung: Es könnte zu chaotisch werden. Das Ende der Sitzung in Branoners Diensträumen war am Nachmittag nicht abzusehen. Und das Ergebnis auch nicht.

Zum ersten Mal seit dem Umzug der Love Parade in den Tiergarten gibt es in der Stadt ernsthafte Bedenken, ob das Fest in der grünen Lunge gut aufgehoben ist. Der Bezirk Mitte (und vor der Bezirksfusion der Bezirk Tiergarten) geht seit Jahren auf die Barrikaden. Neu ist die einhellige Ablehnung durch alle Parteien. Baustadtrat Dirk Lamprecht (CDU) macht da weiter, wo sein Vorgänger Horst Porath (SPD) aufgehört hat: Er will die Liebesparadierer auf eine andere Strecke schicken.

Widerstand auch von höherer Stelle: Aus der Stadtentwicklungs- und Umweltverwaltung von Senator Peter Strieder (SPD), deren Gartenbaudenkmalschützer zum Thema Love Parade seit Jahren den Mund halten müssen, meldet sich jetzt die Staatssekretärin Maria Krautzberger (SPD). Sie befürwortet eine Verlegung an einen anderen Ort in der Innenstadt.

Die Gruppe der uneingeschränkten Love-Parade-Befürworter um Wolfgang Branoner wird immer kleiner. Dabei hat der Wirtschaftssenator für seine Techno-Euphorie gute Gründe: Das Raverfest spüle dreistellige Millionensummen in die Kassen der Berliner Wirtschaft und sei - viel wichtiger - eine Imagewerbung für die Stadt, die sich als jung, innovativ und weltoffen zeige. Und noch wichtiger für den finanziell notorisch klammen Senat: Die Werbung kostet ihn keinen Pfennig.

Dafür aber die Schäden im Park. Der Bezirk Mitte hat vorgerechnet, dass die Neuanpflanzung von Rabatten, Büschen und Bäumen, die jedes Jahr aufs Neue in Mitleidenschaft gezogen werden, zweistellige Millionsummen kostet. Die rückt der Senat genauso wenig heraus, wie das Geld, das nötig wäre, um den Müll aus der denkmalgeschützten Parkanlage wieder herauszuholen, den die Raver für ihre Liebesdemo liegen lassen. Seit Jahren streiten sich Bezirk und Senat. Seit Jahren bewegt sich keine der beiden Parteien. Eine Klage gegen die Love-Parade-Route hatte das Verwaltungsgericht gar nicht erst angenommen, und die Polizei schätzt den Tiergarten weniger als intakte Grünanlage denn als ideale Partyfläche: Im Falle einer Massenpanik könnten sich die Raver sehr leicht retten, statt zwischen Häuserschluchten eingesperrt zu sein.

Erst die Bürgerinitiative "Rettet den Tiergarten vor der Love Parade" brachte Bewegung ins Spiel. Sie meldete für den 14. Juli 2001 ein Straßenfest als Demonstration im Tiergarten an - vor den Organisatoren der Love Parade. Und der Senat? Statt ein Machtwort zu sprechen, der Love Parade die älteren Rechte zuzugestehen, reicht es jetzt nur noch für ein Krisengespräch.

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