Berlin : Love Parade: Techno-logie der Liebe

Tanja Buntrock

Endlich, die Sonne kommt hinter den Wolken hervor. Um punkt 14 Uhr - als hätte sie jemand einen Schalter umgelegt - strahlt sie über der Paradestrecke auf der Straße des 17.Juni. Die Love Parade 2001 kann beginnen. Gleichzeitig schalten die Discjockeys auf den Sattelschleppern ihre Lautsprtecherboxen an. Die ersten Techno-Beats lassen die die Raver erbeben. Sie kreischen. Tausendfach gellen Trillerpfeifen.

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Foto-Tour: Love Parade in Bildern Noch Minuten zuvor waren die so bunt wie spärlich bekleideten Parade-Gänger damit beschäftigt, sich mit China-Röllchen, belegten Baguettes und Sesamringen bei den Imbissständen am Rand der Strecke zu versorgen. Stärkung für den Tanz-Marathon. Arme fliegen in die Höhe. Rucksäcke, in den Wasserflaschen und Bierdosen stecken, wippen im Takt der Musik. Nun hüpfen die meisten Raver wie Gummibälle über den Asphalt.

Auf Wagen 18 - dem Truck des Deutsch-Französischen Jugendwerks - tanzen Deutsche und Franzosen gemeinsam in die Parade. Viele haben sich die Farben Schwarz-Rot-Gold und Blau-Weiß-Rot auf Oberkörper oder Wangen gemalt. Kris, 24, er kommt aus Paris, trägt ein unauffälliges schwarzes T-Shirt. Auf seiner Nase sitzt eine Brille mit orangefarbenen Gläsern. Die "Techno-Parade" in Paris, sagt er, sei nicht zu vergleichen mit der Berliner Love Parade. "Bei euch läuft alles sehr friedlich ab, die Leute sind gut drauf und wollen feiern", sind seine Erfahrungen mit dem Massen-Ereignis. In Paris hingegen, sei es zu Gewalttätigkeiten unter den Ravern gekommen. Seitdem sei die Parade in seiner Heimatstadt umstritten. "Hier gibt es zwar auch Streitereien", merkt er an, "aber ihr müsst die Love Parade behalten. Das ist ein gutes Aushängeschild für ganz Deutschland."

Der Truck des Jugendwerks ist mit rotem Plüsch bespannt und hat in der unteren Etage herzförmige Gucklöcher. Oben ist die Fläche frei für diejenigen, die ihren ganzen Körper zeigen wollen. Während DJ "Raw Man" den passenden Sound macht, jubeln die Massen am Streckenrand dem Plüsch-Truck zu. Von oben winkt Kris euphorisch zurück. Immer wieder schwenkt er den rechten Arm zum Takt, der ausgetreckte Zeigefinger weist auf die Menge unten. So versucht Kris, die Massen anzufeuern. Er taxiert die Raver, die bis nach oben auf die Laternen gekraxelt sind. Sie antworten mit dergleichen Geste: Ihre Zeigefinger strecken sich dem Laster entgegen. Die Körper folgen dem Takt der Bässe. Und gegenseitig schenkt man sich ein Lächeln.
Tanja Buntrock

Four, five, six, seven, eight and back", so kommt es aus den Boxen des "Geburtstagsklubs" in Prenzlauer Berg: Wenn der Stundenzeiger am frühen Morgen vorrückt, mag der eine oder andere vielleicht müde werden. Doch wer will das schon zugeben, wenn die Stimmung gut ist? Den Raver reißt der Rhythmus mit, und das auch um fünf Uhr früh. Schließlich will man gut hineinrutschen in den Tag, an dem die Love Parade von der Stadt Besitz ergreift: Die meisten Clubs sind auch schon in dieser Nacht geöffnet, und wenn viele in den Tag hineinfeiern wollen, dann möchte man die Läden auch nicht so richtig zumachen.

Etwa hundert Leute sind noch in dem Kellerklub an der Greifswalder Straße, in einem Raum wird wild getanzt, im anderen sitzen drei ineinander verschlungene Paare auf den Sesseln. An der Wand leuchten große rote Herzen. Noch zwei Stunden lang wird hier getanzt, die Leute johlen, wenn die Beats einsetzen, gucken, lächeln sich an.

Halb sieben, am Volkspark Friedrichshain. Es ist hell. Drei junge Männer, Holm, "Hü" und Ralf, stehen um einen großen Stein am Straßenrand herum. Nebenan, im Auto mit einem Dresdner Kennzeichen, schlafen zwei Mädchen. Die Jungs können nicht schlafen. Ihre Bierdosen stehen in Bauchhöhe auf dem Findling. "Hier ist es wie Fernsehen", sagt einer. Unter dem Stein wohne nämlich eine Maus, und sie gucke immer mal wieder hervor. Die Jungs haben sie "Gertrud" getauft, nach einem DDR-Kinderfilm. Gerlinde hat sechs Junge, auch sie hätten schon einmal hervorgelugt. Nebenan im Park, im Café "Schönbrunn" an der Fontäne, würden auch noch richtig viele Leute feiern, sagen die drei. Von dort kämen sie nämlich gerade.

Leipziger Straße, halb acht, "Tresor": Vor der Tür des Traditions-Technotempels halten die Taxen. Alex und Michael, zwei Hamburger Studenten, waren vorher in der "Arena" in Treptow auf der offiziellen Love-Parade-Eröffnungsparty. "Aber die haben um sechs einfach die Musik ausgemacht", kritisieren sie. Alle Gäste sollen verärgert gewesen sein, trotzdem hätten die Veranstalter nur mit den Schultern gezuckt. Im "Tresor" tanzen muskulöse Männer mit freiem Oberkörper auf zwei Etagen, die Musik ist laut, die Blicke sind kalt. Ein Besucher hat sich einen Leuchtstab vorn in seine Hose gesteckt. Markus und André, zwei 18-Jährige aus München, sind nachts angekommen, im Auto: Um sieben beschlossen sie, beim "Tresor" hineinzuschauen. Um zehn ist die Party vorbei, der Club schließt. Jetzt müssen sie raus ins Helle.
Christian Domnitz

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