Berlin : Loveparade mit Steineschmeißen - immer mehr Jugendliche mischen in Kreuzberg mit

Katja Füchsel

Ein wenig erinnert die Szene an Spiel ohne Grenzen. Als ob die 10. Klasse eines Friedenauers Gymnasium den Rekord im Trabbi-Rollen brechen wollte: Einmütig und mit konzentrierten Gesichtern bringen sie das Auto in Bewegung. Die Jungs, die einige Meter weiter Steine in Richtung Wasserwerfer schmeißen, wirken sogar noch einige Jahre jünger. Nicht "Hasskappen" und Palästinenser-Tücher bestimmen in der Nacht vom 1. Mai das Bild in den Straßen Kreuzbergs. Die meisten Jugendlichen sind in Shorts, T-Shirts und Ringelsöckchen gekommen.

Dass unter den Randalierern am 1. Mai zunehmend der auf den ersten Blick so unbescholten wirkende Nachwuchs auftaucht, ist auch der Polizei aufgefallen. "Da ist ein Trend erkennbar", sagt Polizeisprecher Schubert. "Immer mehr ganz normale Jugendliche gehen zur Demonstration und mischen mit." Der "typische Autonome aus dem schwarzen Block" hingegen wird bei den Kreuzberger Straßenkämpfern immer seltener ausgemacht. Molotowcocktails sind offenbar ebenso wie Signalraketen als typisches Demo-Zubehör aus der Mode gekommen. Wie viele der 400 Festgenommenen zwischen 13 und 17 Jahre alt waren, ist nach Angaben der Polizei derzeit noch Gegenstand der Ermittlungen, aber "der überwiegende Anteil der Demonstranten war über 20 Jahre alt."

Demo-Beobachter wissen: Die ganz jungen Demonstranten werden zwar immer mehr, agieren aber zumeist aus der zweiten Reihe heraus. Ist der erste Sturm vorüber, werfen sie noch ein paar Steine hinterher, zündeln ein wenig oder rütteln eben an einem Auto - vermutlich ganz spontan und ohne zu wissen, wie schwerer Landfriedensbruch geahndet wird. "Da war in den letzten drei Jahren der reine Kindergarten versammelt", sagt Fabricio Bensch, der die Szene mit dem Trabi fotografiert hat. Ob die Jugendlichen den Wagen gerade umwerfen oder ihn aufrichten, hat der Reuters-Fotograf "in der Eile" nicht erkennen können. Bensch verfolgt die 1.-Mai-Demonstrationen in Berlin seit 12 Jahren. Inzwischen erinnere ihn die Stimmung zwischen Barrikaden und Wannen allerdings eher an einen "großen Abenteuerspielplatz".

Manche sprechen den jugendlichen Randalierern auf den 1.-Mai-Demos jede politische Motivation ab. Andere glauben, dass die Teenager zwar ein linkes Bewusstsein auf die Straße bringt, das aber eher diffus empfunden als in Parolen artikuliert wird. Die meisten Jugendlichen dürften die Nacht in Kreuzberg heutzutage weniger als politische Veranstaltung verstehen, sondern als Demo-Spektakel, bei dem alles geboten wird: gutes Wetter samt Straßenschlacht, eine Art Love Parade mit Steineschmeissen. Oder wie es der Sprecher der Polizei ausdrücken würde: "Die suchen den gemeinsamen Kick."

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