Berlin : Loveparade: Neue Chefs setzen Dr. Motte vor die Tür

Zerwürfnis mit dem eigenwilligem Gründer über künftigen Tanz-Umzug - Mehr als 400 Clubs und DJs wollen im Juli mitfeiern – Abstimmung im Internet

Lars von Törne

Zwischen Dr. Motte und den neuen Chefs der Loveparade liegen Welten, das wusste man schon länger. Als der Gründer des Techno-Umzuges und das kurz zuvor eingestiegene Geschäftsführer- Duo vor zwei Monaten gemeinsam vor die Presse traten, um zu erzählen, was sie sich am 15. Juli von der Parade erhoffen, da sagte Dr. Motte in alter Traumtänzer-Manier, er wäre schon mit einem Besucher zufrieden. Rainer Schaller hingegen, der millionenschwere Fitness-Manager aus dem Fränkischen, peilt bei der von ihm gesponserten Parade die werbeträchtige Zahl von einer Million Teilnehmer an, wie einst Ende der 90er Jahre.

Gestern nun zerbrach die fragile Allianz zwischen dem Techno-Veteran Matthias Roeingh, wie Dr. Motte wirklich heißt, und den Wiederbelebern der Loveparade endgültig. Wegen einer Meinungsverschiedenheit über die Besetzung der Musik-Lastwagen entbanden Rainer Schaller und sein Vize Maurice Maué Dr. Motte von der künstlerischen Mitarbeit an der Parade. „Vor allem in künstlerischen und inhaltlichen Belangen ist dieser Schritt unumgänglich geworden“, heißt es in einer Erklärung der Veranstalter. Damit ist die Loveparade alten Stils nun wohl endgültig Geschichte.

Der Streit hatte sich unter anderem daran entzündet, wie ausgewählt werden soll, welche Discjockeys auf den 40 geplanten Musikwagen spielen dürfen, die in drei Monaten durch den Tiergarten ziehen sollen. Hierfür gibt es nach Angaben der Loveparade GmbH inzwischen 420 Bewerbungen von Clubs und DJs aus aller Welt, unter anderem aus Singapur, Australien und Australien. Schaller und Maué wollen als Zeichen des Neuanfangs die Fans der Parade im Internet (www.loveparade.net) ab kommender Woche darüber abstimmen lassen, welcher Bewerber auf den vom Veranstalter gratis zur Verfügung gestellten Wagen zum Zuge kommt. Dadurch wollten sie sicherstellen, dass die Parade auch in der Öffentlichkeit von ihrer Fixierung auf Techno-Musik wegkommt und sich allen Spielarten der elektronischen Tanzmusik öffnet. „Transparenz, Qualität und Internationalität“ heißen die neuen Maßstäbe. Das habe Dr. Motte nicht mittragen wollen, teilen die neuen Chefs mit. Also gehe man künftig getrennte Wege, auch wenn Dr. Motte zumindest finanziell weiter an dem Projekt beteiligt sein wird: Er bleibt laut Maué Mitgesellschafter der Loveparade-Gesellschaft. Dr. Motte selbst war für eine Stellungnahme gestern nicht zu erreichen.

Als Verlust für die Parade mögen die neuen Chefs den Abgang des Gründers nicht sehen, eher als Symbol für den Neuanfang: „Dr. Motte steht für die alte Parade, die so nicht mehr funktioniert hat“, sagt Maurice Maué. Zwei Jahre lang musste die Loveparade ausfallen, da die alte Geschäftsführung es nicht schaffte, genug Sponsoren zu rekrutieren, die für alle Kosten des Umzugs aufkommen. Dieses Jahr soll der Umzug auf jeden Fall stattfinden. Eine Million Euro hat Schaller bislang in das Projekt gesteckt, in diesen Tagen laufen Gespräche mit potenziellen weiteren Sponsoren, die den Rest der kalkulierten Paradekosten von bis zu 2,5 Millionen Euro zahlen sollen. Sollte die Suche nach weiteren Geldgebern für die Parade ähnlich schleppend verlaufen wie in den vergangenen Jahren, würde Schaller seinen Anteil notfalls erhöhen. „Wir tragen als Hauptsponsor dafür Sorge, dass die Loveparade auf jeden Fall stattfindet.“

Mit dem Abschied von Matthias Roeingh endet nun auch eine Tradition, die viele Jahre zur Folklore der Loveparade gehörte: die Rede von Dr. Motte. Darin vermischte der Paraden-Veteran stets Esoterisches, Politisches und Abgehobenes. Eine Kostprobe davon, was den Loveparade-Teilnehmern in diesem Jahr erspart bleibt, gab er im Februar bei dem letzten gemeinsamen Auftritt mit den neuen Chefs. In holprigen Versen war da die Rede von jungen Leuten, die sich „im ewigen Moment tanzend wiederfinden“ und „Kontakt mit ihren Vorfahren aufnehmen, die schon im gleichen Rhythmus tanzten“. Was der 45-jährige Motte jetzt tun will, ist unklar. Vielleicht widmet er sich seinem „Klangturm“, einem Kunstprojekt in Brandenburg, mutmaßt Loveparade-Sprecher Maué.

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