Berlin : Ludwig Keßler (Geb. 1941)

Kein Mann im roten Mantel. Nirgends

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Margarine in Berlin, Käse in Neu- Ulm, Fischkonserven in Cuxhaven. So kalauernd könnte die Kurzfassung seiner Karriere erzählt werden. Jede Stadt eine Speise, ein beruflicher Schritt nach vorn. Dabei hat er mit Margarine, Käse und Fischkonserven im engeren Sinn gar nichts zu tun, sondern mit den Maschinen, die sie herstellen. Sein Weg also ohne Witzelei: vom Schlosserlehrling zum Schlossermeister zum Ingenieur zum technischen Leiter beim Unilever-Konzern.

Unilever-Lebensmittel sind bei den Keßlers reichlich vorhanden. Aufs Brot kommt Rama und zu den Kindergeburtstagen gibt’s eine Kiste Langnese-Eis. Fahren die drei, Richard, Evelyn und Roland, auf Schulfahrt, können sie sicher sein, dass ein Paket kommen wird mit Köstlichkeiten für die ganze Klasse. Auch in den Sechzigern verschlingt noch niemand tagtäglich Süßes. Zu Ludwigs Kinderzeiten war jedes Eis ein Fest, in der Klever Arbeiterfamilie tauchten die Jungs, Ludwig hatte zwei Brüder, einen Finger in den Zuckernapf und genossen dann langsam die Herrlichkeit. Donnerstags briet die Mutter Reibekuchen, für die Ludwig die Kartoffeln geraspelt hatte. Mit 16 durfte er gelegentlich an einem Schnaps nippen. Er hörte viel Radio und war nicht so der Elvis-, eher der Harry-Belafonte-Typ.

Das erste eigene Haus baut Ludwig in Kleve. 1975 das Angebot, nach Berlin zu gehen. Die Verwandten staunen, als ginge er in die Mongolei. „Könnt ihr da auch alles kaufen?“ „Fühlt ihr euch nicht eingesperrt?“ Die Keßlers beziehen erst ein Haus in Buckow und dann in Rudow, und manches müssen sie erst lernen. Zum Beispiel, dass am 11. November kein Mann in rotem Mantel auf einem Pferd durch die Stadt reitet, hinterdrein eine Schar Kinder mit Laternen. Sie setzen sich ins Auto und suchen ihn, kein Mann auf einem Pferd. Nirgends. Selbst auf dem Ku’damm finden sie keinen Sankt Martin. Zum Trost gehen sie ins Restaurant.

Ludwig nimmt sich Zeit für seine Kinder zwischen Meisterprüfung und Job und Hausbau. Als über Evelyns Bett eine Spinne hockt, kommt er von der Arbeit, um sie hinauszuschaffen. Und als sie zum hundertsten Mal den Abba-Film gucken möchte, fährt er sie auch in das entlegenste Kino. Als Richard, sein ältester Sohn, umzieht und er mehrmals mit dem vollgepackten Kombi die 400-Kilometer-Tour hin und zurückfährt.

Entfernungen sind ihm einerlei, leben seine Kinder auch Stunden entfernt, er besucht sie. Er kauft sich – wie sein jüngster Sohn – ein Motorrad und fährt mit Margarete hinten drauf im 31. Dezember 1989 nach Berlin zum Brandenburger Tor, an so einem Tag hockt man doch nicht in der Provinz. Auch nachdem er den schlimmen Unfall mit seiner Maschine hat, sechs Jahre später schon in Rente muss, reisen sie weiter, jetzt im silbernen Wohnmobil mit Dusche, Küche, Sitzecke. Sie fahren hinaus in die Natur, von der er nicht genug bekommen kann: Steine sammeln am Meer und in den Bergen; auf einer Norwegenkreuzfahrt lange vor allen anderen aufstehen und durch das Fernrohr die Fjorde betrachten.

Dann begeben sie sich auf eine Fahrt, an deren Ende sie das Wohnmobil verkaufen werden. Die Fahrt geht nach Berlin zu Richard, ihrem Ältesten. Richard ist todkrank. 20 Monate leben sie in dem Wohnmobil, stehen am Abend auf einem Platz an der Chausseestraße und am Tage gegenüber vom Krankenhaus. Während der Chemotherapien kommt Richard hinüber zu ihnen, trinkt mit seinem Vater einen Kaffee, isst die selbst gekochten Suppen seiner Mutter. Aber Richard schafft es nicht.

Begraben wird er in Berlin. Ludwig und Margarete wollen in seiner Nähe sein, sie geben das Haus in Niedersachsen auf und beziehen eine Wohnung in der Stadt. Von seinem Zimmer aus kann Ludwig auf den Kanal schauen. Langsam lernt er, mit dem Schmerz zu leben. Er plant eine Schiffsreise mit Margarete. Vorher noch muss er sich um sein Herz kümmern, ein kleiner Eingriff nur. Beim Einsetzen des Stents verletzt der Arzt die Aorta. Ludwig wird ins Herzzentrum gebracht, der Eingriff ist schwer. Trotzdem verlegt man ihn schon am zweiten Tag auf die Normalstation.

Kurz darauf stirbt Ludwig, „jetzt“, wie Margarete sagt, „da wir es doch wieder ganz schön hatten.“

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