Berlin : Ludwig Paul Malicki, geb. 1911

Ursula Engel

Es war in den siebziger Jahren, als der 16-jährige Schüler sich die Haare lang wachsen ließ. Die letzten zehn Jahre hatte er im Heim verbracht. Michael Montua war ein Fremdkörper im katholischen Schwarzwaldinternat. Doch hier begann eine Freundschaft mit einem Mann, der dafür völlig ungeeignet schien.

Ludwig Paul Malicki, Altphilologe und Lehrer für Latein und Geschichte, war ein Pauker. Er war konservativ, pedantisch und streng. "Malicki war einer von vielen Lehrern. Michael Montua nahm ihn eigentlich erst wahr, als man ihm nahe legte, das Internat nach der 12. Klasse zu verlassen. Es waren nicht nur die langen Haare, es gab vieles, was Montua von den anderen Jungs unterschied. So trampte er zum Beispiel regelmäßig nach Freiburg. Trampen allerdings wurde in der Schule sehr ungern gesehen.

Eines Tages saß der Pauker Malicki im Auto, das anhielt. "Am liebsten wäre ich abgehauen", erzählt Montua, "ich bin dann aber eingestiegen, und wir unterhielten uns. Das war meine erste persönliche Begegnung mit Malicki."

Es überraschte viele, dass ausgerechnet der pedantische Altphilologe sich für Montuas Verbleib im Internat einsetzte. "Ein Jahr vor dem Abitur die Schule zu verlassen, kam ihm verrückt vor."

Der Schüler Michael Montua durfte bleiben, Malicki half ihm bei der Paukerei fürs Abitur - und er bestand. Das war 1975, Malicki stand kurz vor der Rente. "Er dachte, ich würde auch Lehrer. Als ich ihm erzählte, dass ich Architekt werden möchte, war er etwas enttäuscht."

Der ehemalige Lehrer blieb trotzem Montuas Mentor, auch in praktischen Dingen. Beim Bügeln, Gardinennähen, Anstreichen oder Reparieren kannte er sich ebenso gut aus wie in der griechischen Mythologie. Als Montua zum Architekturstudium nach Berlin aufbrach, kam Malicki erst einmal mit. Für die Studentenabsteige nähte der Lehrer seinem ehemaligen Schüler die Vorhänge.

Die beiden blieben in Kontakt. Malicki hatte nie daran gedacht, eine eigene Familie zu gründen, er wohnte allein. Regelmäßig besuchte Montua seinen Ex-Pauker. Dann unternahmen die beiden Männer endlose Wanderungen, auf denen Malicki gerne dozierte. "Bei diesen Vorlesungen im Wald habe ich mehr über Philosophie und Geschichte gelernt als in meiner ganzen Schulzeit", sagt Montua. "Malicki hat für mich die Tür zur Kultur weit geöffnet. Er hatte ein phänomenales Gedächtnis und las unglaublich viel." In seiner Bibliothek fand man Klassisches und Modernes, nur ein Buch fehlte: Ein Fremdwörterlexikon. "Das brauchte er einfach nicht, denn es gab kein Fremdwort, das er nicht herleiten konnte."

Abends saßen Schüler und Lehrer oft bei klassischer Musik über dem komplizierten Rätsel des Zeit-Magazins: "Wir haben nie aufgegeben, bevor wir alle Fragen beantwortet hatten." Die Verbindung wurde enger, bald verbrachten die beiden jedes Weihnachtsfest zusammen. "Dann schmückten wir den Baum, und er holte all diese Kartons mit dem in Seidenpapier eingepackten Weihnachtsschmuck heraus. Das Lametta vom letzten Jahr, das ich achtlos über den Baum geworfen hatte, fand ich dann akkurat geglättet in der Pappschachtel wieder.

Dinge wegzuwerfen, war für Malicki unendlich schwer. "Er hatte Handtücher, die waren aus drei alten zusammengenäht. Am Schlimmsten aber war es mit dem Essen. Er aß einfach alles auf. Ob das Brot hart war oder verschimmelt, ihn störte es nicht." Der Gesundheit hat das nicht geschadet. "Während seiner ganzen Zeit als Lehrer, fehlte er nur ein einziges Mal. Da war sein Hund krank. Malicki fuhr damals 700 Kilometer nach Berlin, um ihn zu einem Spezialisten zu bringen."

Seit Mitte der achtziger Jahre wurden die Spaziergänge kürzer. Bald fielen sie ganz aus. Die Hüftgelenke machten Malicki Beschwerden. 1995 ließ er sich in Hamburg operieren, eigentlich eine Routineangelegenheit. Doch die Folgen für den alten Herrn waren fatal: Einen Teil seiner Erinnerung, die letzen 25 Jahre, hatte er im Narkoseschlaf zurückgelassen.

Malickis und Montuas Verhältnis wendete sich nun. Aus dem Zögling wurde der Fürsorgende. Michael Montua brachte seinen alten Lehrer in ein Pflegeheim nach Berlin, ganz in seiner Nähe. Bis zum Schluss kümmerte sich der Architekt nun um seinen guten Freund. "Manchmal war es schon eine Belastung. Ich machte mich in dieser Zeit selbständig und ertrank in Arbeit. Heute bin ich sehr froh, dass ich mich so entschieden habe", sagt er. "Er war ein wirklicher Freund, auch wenn ich sein "Du" nie angenommen habe. Es passte nicht zu unserem Verhältnis."

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