Luftangriff auf Berlin am 3. Februar 1945 : Operation 817 – Protokoll eines Piloten

Mit 22 Jahren flog Edwin H. Millson seine 40. Mission im Zweiten Weltkrieg - aber die erste in der Berliner Innenstadt. Protokoll des 3. Februars aus Sicht eines US-amerikanischen Kanoniers.

Pascale Müller
U-Bahnhof Bayerischer Platz im Bayerischen Viertel in Schöneberg nach dem Luftangriff auf Berlin vom 3. Februar 1945.Alle Bilder anzeigen
Foto: BVG-Archiv
02.02.2015 07:56Am 3. Februar 1945 starben im U-Bahnhof Bayerischer Platz 63 Menschen beim schwersten Luftangriff der Alliierten auf Berlin. Hier...

2.00 Uhr: Am Morgen des 3. Februar 1945: Der 22-jährige Kanonier Edwin H. Millson wird auf der Militärbasis der Alliierten in England, Huntingtonshire, von seinen Vorgesetzten geweckt. Es soll ein Luftangriff auf Berlin stattfinden, heißt es: „Operation 817“ der 1. und 3. Luftdivision. Millson ist Amerikaner, aber in Kimbolton, 60 Kilometer von London, auf einer Basis der britischen Luftwaffe stationiert. Das Motto der Truppe dort lautet: „The Grand Slam Group“.

2.10 Uhr: Millson geht zur Lagebesprechung in die Kommandozentrale. Aufgrund der Geheimhaltungsstufe kam der Befehl für die Mission erst wenige Stunden vor Abflug, mitten in der Nacht. Hier studiert er für die nächsten vier Stunden sein Ziel. Es ist seine vierzigste Mission in diesem Krieg. Während er in vorherigen Angriffen immer Ziele an der Stadtgrenze bombardiert hatte, sind die Ziele nun im Zentrum der Stadt.

6.00 Uhr: Während des ausgiebigen Frühstücks bespricht Millson noch einmal Flugroute und Ziel. Er ist in der Army, seit er 18 ist. Weil er den Sehtest für die Pilotenprüfung nicht bestand, wurde er mit 19 Kanonier. Darüber, dass dies sein letztes Frühstück sein könnte denkt er nicht nach.

Er hat das Gefühl, etwas tun zu können, das den Krieg beendet

7.00 Uhr: Millson steigt in sein Flugzeug, eine Boeing-17, auch genannt „Fliegende Festung“. Außer dem Piloten und ihm sind noch fünf weitere Soldaten an Bord der Maschine. Angst verspürt er keine. Stattdessen hat er das Gefühl, etwas tun zu können, das den Krieg beendet, denn anvisierte Ziele sind zentrale Regierungsgebäude der Nationalsozialisten.

7.10 Uhr: Die B-17 verlässt britischen Boden und nimmt Kurs auf das europäische Festland. An Bord wacht Millson über seine zehn Kanonen. Jede enthält 200 Kilogramm Sprengstoff. Die Maschine überquert den Ärmelkanal, Amsterdam und Hannover, bevor sie sich der Reichshauptstadt nähert. Wie immer sitzt Millson im „lead plane“, dem ersten Flugzeug der Formation.

7.10 Uhr: Zur gleichen Zeit starten weitere 1397 Flugzeuge aus der Bombergruppe 379 der Airforce 8 nach Berlin. Begleitet werden sie von weiteren 700 Langstreckenjägern, die sie während des Fluges schützen sollen. Alles, was in der British Army fliegen kann, ist an diesem Tag in der Luft. So auch der 19-jährige Vincent „Bill“ Purple, Pilot der britischen Luftwaffe. Purples Ziel ist der Gebäudekomplex der IG Farben. Bisher hatten die Briten immer in der Nacht und die Amerikaner am Tag angegriffen. Doch an diesem Februartag ist alles anders.

Ideales Wetter für einen Bombenangriff

10 Uhr: Aus dem Fenster der Maschine kann Edward Millson den Himmel sehen. Über dem ganzen europäischen Festland liegt an diesem Tag eine dichte Wolkendecke. Aber über Berlin ist der Himmel klar und blau. Ideales Wetter für einen Bombenangriff.

10.27 Uhr: Die ersten Langstreckenflugzeuge der 1. Luftdivision erreichen Berlin. Das Luftschutzkommando Berlins gibt öffentliche Luftwarnung für das Stadtgebiet aus.

10:29 Uhr: Zum 288. Mal während des Krieges wird „Fliegeralarm“ ausgelöst.

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Luftangriff auf Berlin: Zurück am Ort des Schreckens
Luftangriff auf Berlin: Zurück am Ort des Schreckens

11.01 Uhr: An Bord der B-17 konzentriert sich Millsons auf seine Aufgabe. Als er die Bomben über seinem Ziel in Mitte abwirft, spürt er, wie sie das Flugzeug verlassen. Sein Pilot verändert den Kurs und steigt auf, um dem Rückstoß der Explosion und den Luftabwehrraketen auszuweichen. Millson schaut kurz nach unten und sieht, dass er getroffen hat.

11.10 Uhr: Sein Job ist erledigt. Millson und seine Einheit steigen auf, fliegen einen Bogen um Berlin und lenken die B-17 über Hannover und den Ärmelkanal zurück nach England.

Durch den Rauch wird die Sicht schlechter

11.18 Uhr: Nun hat auch Vincent Purple sein Zielgebiet erreicht. Mit 250 Kilometern pro Stunde rauscht er über die Stadt, über der sich Flugzeuge der Alliierten und der Nationalsozialisten bereits Luftgefechte, sogenannte „dog fights“, lieferten. Durch den Rauch der bereits abgeworfenen Bomben wird die Sicht immer schlechter.

11.30 Uhr: Purples Kommandeur fliegt vor ihm und feuert zwei grüne Leuchtfackeln über dem Ziel ab, um es zu markieren, eine Stelle, die Purple wiedererkennt, da dort eine Bahnstrecke und ein Fluss zu einem „T“ zusammenlaufen. Er lässt die B-17 auf 20 000 Fuß aufsteigen und die Bomben fallen aus dem Flugzeug.

Die Alliierten Flieger laufen Gefahr, miteinander zusammenzustoßen - so viele sind es

11.40 Uhr: Im Luftraum um Berlin wird mittlerweile ein wüster Kampf ausgefochten. Sechs Flugzeuge aus der Staffel von Kimbolton werden von Flugabwehrraketen abgeschossen, weitere zwölf schwer getroffen. Doch das ist nicht das einzige Problem. Es sind so viele Flugzeuge der Alliierten in der Luft, dass Piloten wie Purple Mühe haben, Kollisionen mit ihren Kameraden zu vermeiden, die über der Stadt kreisen und sich neu formieren.

11.51 Uhr: Die letzten Flugzeuge der Alliierten verlassen den Luftraum über Berlin.

12.18 Uhr: Für die Bewohner wird Entwarnung gegeben.

14.00 Uhr: In Kimbolton ist Millson mittlerweile wieder gelandet. Der Rückflug verlief ohne besondere Vorkommnisse. Was am Himmel über Berlin passiert ist, hat er hinter sich gelassen. Nach einem Debriefing durch den Geheimdienst geht er ins Fotolabor, um sich die Ergebnisse des Angriffes anzuschauen. Dann trinkt er einen Whiskey. Seine Mission hat siebeneinhalb Stunden gedauert.

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