Luftbelastung : Feinstaub-Rekorde trotz Umweltzone

Im Januar war die Luftbelastung enorm hoch - und seit Montag werden „gelbe“ Plakettensünder bestraft.

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Verteilen und mit vereinten Kräften abarbeiten – nach diesem Motto will der Bezirk Tempelhof-Schöneberg das Chaos mit den Ausnahmeanträgen für die Umweltzone beheben: Am Montag wurde der erste Aktenstapel für die weniger überlasteten Kollegen in Charlottenburg-Wilmersdorf gepackt. Parallel bemühte sich Stadtrat Oliver Schworck (SPD) auch im Bezirk Mitte um Amtshilfe. Zusätzlich bekam er eine Hilfskraft aus dem zentralen Stellenpool, die die drei Bearbeiter unterstützen soll. Die Hilfe kommt zwar für viele Besitzer von Autos mit gelben Plaketten zu spät, weil sie bereits seit Wochenbeginn nicht mehr in die Umweltzone fahren dürfen. Aber sie soll die Bearbeitungszeit von acht auf zwei bis vier Wochen senken.

Als Schworck am Montag bei seiner Straßenverkehrsbehörde im Rathaus Tempelhof reinschaute, wurde er gleich von wartenden Kunden beschimpft. Manche drängten darauf, dass das Amt ihren beantragten Härtefall endlich entscheidet. Andere waren von ihren Werkstätten geschickt worden – mit dem Tipp, sich eine Bescheinigung für die Zeit zu holen, bis ihr längst bestellter Rußpartikelfilter endlich eintrifft und das Auto eine grüne Plakette bekommen kann. Nur hatten die Betroffenen wohl jene 1300 Anträge nicht auf der Rechnung, die weiter oben auf dem Stapel im Bezirksamt lagen.

Während CDU-Wirtschaftspolitiker Heiko Melzer dem Senat „dilettantische Vorbereitung“ vorwarf und die Aussetzung der Fahrverbote bis 2012 verlangte, forderte die Grünen-Umweltpolitikerin Felicitas Kubala weitere Aktivitäten zur Verbesserung der Luftqualität.

Ein Blick auf die Feinstaubbilanz des Januars bestätigt den Ernst der Lage. Mit bis zu 20 Überschreitungstagen an den Berliner Luftmessstationen ist bereits im ersten Monat des Jahres mehr als die Hälfte des 2010er Budgets aufgebraucht worden: Die EU-Richtlinie erlaubt maximal 35 Tage jährlich, an denen die Luft pro Kubikmeter im Tagesmittel mit mehr als 50 Mikrogramm der gesundheitsschädlichen Partikel belastet ist. Oft lagen die Werte sogar bei rekordverdächtigen 120 bis 150 Mikrogramm – und das selbst in den grünen Randbezirken. Besonders hoch war die Belastung an den vielen eisigen Hochnebeltagen, als die relativ schwere kalte Luft über dem Boden lag, ohne sich mit der höher gelegenen wärmeren Luft zu vermischen. Die schwache Wintersonne schaffte es nicht, diese „Inversion“ durch Erwärmung der Luft aufzulösen. Stattdessen brachte ein schwacher Südostwind zusätzliche schmutzige Luft – und zwar direkt aus Schlesien und Böhmen, wo Kraftwerke, Industriebetriebe und viele Millionen Menschen mit ihren Autos und Heizungen die Luft verschmutzen. Dadurch stiegen die Feinstaubwerte selbst in sehr ländlichen Regionen wie dem Oderbruch enorm an (siehe Grafik).

„Auch wegen solcher Situationen hat die EU die 35 Überschreitungstage beschlossen“, sagt Arno Graff, Luftqualitätsexperte am Umweltbundesamt. Weil meist Westwind herrsche, bekomme Polen übers Jahr aus Deutschland etwa ebenso viel Feinstaub ab wie umgekehrt. Nach Auskunft der Umweltverwaltung bemüht sich Berlin mit Sachsen und Brandenburg seit langem, die großen Feinstaubquellen in Südpolen zu beeinflussen, etwa durch Förderanreize für neue Filteranlagen. Graff sagt: „Auch die Luftqualität in Polen wird langsam besser.“

Berliner Autobesitzern hilft das wenig. Die Umweltzone gilt und wird von der Polizei bei der normalen Verkehrsüberwachung mit kontrolliert. Und das Ordnungsamt von Oliver Schworck? Man befasse sich zurzeit vor allem mit den glatten Gehwegen, sagt der Stadtrat nur.

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