Luftbrücke : Zum Nachtisch Rosinen

Trockenkartoffeln, Trockengemüse, Trockenei: Luftbrücken-Nahrungsmittel retteten Leben, schmeckten aber scheußlich.

Bernd Matthies

BerlinDer alltägliche Kampf galt dem Brotaufstrich. Man nehme eine Tasse gekochten Kaffee, eine Tasse geriebene Zuckerrüben, zwei Tassen gemahlenen Kaffee-Ersatz und zwei Esslöffel Mehl. Alles kochen, erkalten lassen – glücklich, wer ein wenig Pfefferkuchengewürz parat hatte, um dem Gebräu Geschmack zu geben. Die Not der Berliner nach dem Krieg erzeugte unvorstellbare Rezepturen, die zum Großteil auf Zutaten beruhten, die in den zahllosen Kleingärten innerhalb der Stadt wuchsen.

Die Berliner, die schon seit Kriegsende beinahe ständig unter Hunger gelitten hatten, mussten ihren Erfindungsreichtum aufs Äußerste strapazieren. Eichelmehl wurde zum Geheimtipp, hatte allerdings kaum Nährwert, verursachte lästige Verstopfungen und musste in einer langen, umständlichen Prozedur selbst hergestellt werden. "Falsche Leberwurst" hieß ein populäres Gemengsel aus Fett, Zwiebel, Hefe und Semmelmehl. Der Leberwurst-Eindruck beruhte allein auf der Beigabe von etwas Majoran, die auch dem "falschen Schmalz" aus Mehl, Öl und Wasser zu einem Hauch von Geschmack verhalf. "Pfadfinderpaste" bestand aus Fett, Zwiebeln und Hefe. Glücklich, wer gehamstert hatte, denn er konnte dieser Melange mit Worchestersauce aufhelfen.

Schlechte Ernährungssituation wurde durch Blockade noch verschärft

Die Blockade verschärfte die Lage erheblich. Praktisch alles, was die Rosinenbomber in die Stadt brachten, war aus Gewichtsgründen getrocknet; vor allem die Trockenkartoffeln hinterließen bei vielen ein Trauma. Sie schmeckten nach nichts, auch wenn sie stundenlang eingeweicht und gekocht wurden. Wenn es Pulver gab, konnte daraus immerhin eine Art Püree gemacht werden, ein Sonntagsgericht, gegebenenfalls aufgewertet durch gebratenes Trockenei und eine Handvoll Rosinen zum Dessert.

Gemüse, ebenfalls getrocknet, blieb strohig und fad, egal, was die Köchin damit anstellte. Trockenkohl galt als allerletzte Rettung – wurde er gekocht, stank das ganze Haus. Schwangere erhielten eine Sonderzuteilung von Erbsen und Linsen und litten besonders an den unausweichlichen Blähungen. Junge Mütter klapperten die Märkte unermüdlich nach Mohrrüben ab, um dem Baby wenigstens irgendetwas Verträgliches und Frisches bieten zu können. Dem russisch besetzten Ostsektor ging es natürlich besser, denn dort gab es auch während der Blockade Gemüse, Äpfel, Kartoffeln. Wer konnte, stahl sich von Kreuzberg über die Oberbaumbrücke dorthin, durfte sich aber nicht erwischen lassen.

Auf dem Höhepunkt der Blockade erhielten die West-Berliner täglich 400 Gramm Brot, 50 Gramm Nährmittel, 40 Gramm Fleisch, 30 Gramm Fett, 40 Gramm Zucker, 400 Gramm Kartoffeln und 5 Gramm Käse; im Dezember gab es pro Haushalt als Sonderzuteilung eine Schachtel Süßstofftabletten. Ein halbes Jahr später war der Alptraum vorbei, und im Frühjahr 1950 wurde die Rationierung von Lebensmitteln aufgehoben.

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