Berlin : Luftpirat vor Gericht: "Mein Psycho-Motor war durcheinander"

MICHAEL BRUNNER

Erste Aussagen beim Prozeßauftakt bestätigen Sicherheitsmängel in TegelVON MICHAEL BRUNNER -BERLIN.Der erste Verhandlungstag im Prozeß gegen den bosnischen Flugzeugentführer Salko Loncaric brachte gestern die Bestätigung, daß mangelhafte Sicherheitskontrollen auf dem Flughafen Tegel das Verbrechen erst ermöglicht haben.Fluggastkontrolleure des Unternehmens "Securitas", das seit Jahresbeginn für die Kontrollen in Tegel zuständig ist, fanden vor Gericht keine Erklärung dafür, daß der Entführer ein Messer und zwei Knüppel an Bord geschmuggelt hatte.Loncaric, der am 7.Januar 1997 eine Maschine auf dem Flug nach Wien zur Rückkehr nach Tegel gezwungen hatte, wirkte während seiner Aussage verwirrt und überfordert. Wie die anderen 28 Passagiere des Flugs OS 104 Berlin - Wien wurde auch Salko Loncaric kontrolliert, bevor er an Bord der McDonnell-Douglas der Austrian Airlines ging.Untersucht wurde der angetrunkene Mann mit dem ungepflegten Äußeren von drei Fluggastkontrolleuren: Von dem 49jährigen Teamleiter Rudolf W.und dessen Mitarbeitern Jana B.(23 Jahre) und Sven K.Wie der 23jährige K.gestern vor der 1.Großen Strafkammer des Landgerichts sagte, war der 7.Januar erst sein siebenter Arbeitstag als Fluggastkontrolleur.Um ihn auf die Tätigkeit vorzubereiten, hatte ihn "Securitas" im Dezember 1996 zu einem zweiwöchigen Lehrgang geschickt. Am 7.Januar war Sven K.nach Meinung seines Arbeitgebers offenbar schon erfahren genug, um direkte Personenkontrollen auszuführen.K.war der Kontrolleur, der Loncaric mit einer Metallsonde untersuchte und abtastete.Der unerfahrene Kontrolleur nahm dem Bosnier drei Schlüsselbünde, Autoschlüssel und zwei Steinchen ab.Messer und Knüppel, die Loncaric nach eigenem Bekunden am Körper ins Flugzeug schmuggelte, fielen weder Sven K.noch seinen beiden Kollegen auf.Der Zeuge Michél von C., der unter den Fluggästen war, beschrieb die Personenkontrollen am Entführungstag als chaotisch: "Mich untersuchten sie nur oberflächlich mit der Metallsonde, abgetastet wurde ich nicht." Er sei zwar spät dran gewesen, es habe aber so wenig Betrieb geherrscht, daß die Zeit für eine gründliche Kontrolle ausgereicht hätte. Unerklärlich war für Michél von C.außerdem, daß der betrunkene Bosnier überhaupt an Bord der Maschine gelangen konnte.Loncaric habe an Bord weiter getrunken, erst ein Glas Sekt, später zwei kleine Flaschen Weinbrand.Fluggäste in der Nähe Loncarics hätten sich weiter entfernte Plätze gesucht. Der Entführer, der während seiner Aussage verwirrt und überfordert wirkte, erneuerte gestern sein Geständnis.Er sei um 12.20 Uhr, als die Maschine über Prag flog, ins Cockpit gegangen.Sein Verhalten bis zum frühen Nachmittag des 7.Januar, als ihn zwei Beamte aus dem Flugzeug stießen und den Vorfall damit beendeten, erklärte der Luftpirat mit den Worten: "Mein Psycho-Motor war durcheinander." Er sei kein gefährlicher Mann, sagte Loncaric und versuchte, den schwarzen Peter an den Flugkapitän weiterzureichen: "Wenn der Pilot Mut gehabt hätte, wäre er weitergeflogen." Zur Entführung habe er sich entschlossen, als ihm klarwurde, daß er nicht in Deutschland bleiben konnte.Für den 15.Januar 1997 habe seine Rückführung nach Bosnien angestanden.Da habe er nur noch eine Chance gesehen - "direkt mit der deutschen Regierung zu reden".Deshalb die Entführung. Zu einem Gespräch mit Regierungsvertretern kam es nicht.Nach der Landung des Flugzeugs in Tegel ließ Loncaric eine Tür öffnen und verhandelte auf Serbo-Kroatisch mit einem Berliner Kripo-Beamten.Dieser sagte gestern aus, Loncaric habe die Übergabe des Flugzeugs an Bosnien verlangt.Zweck: "Damit es eine direkte Verbindung zwischen Berlin und Sarajevo gibt". Der Prozeß wird am 11.Juli fortgesetzt.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben