Berlin : Lukrative Schwarzhandelsgeschäfte bei begehrten Klassikkonzerten

EVA-MARIA VOCHAZER

Kartenhaie sind vor den Konzerthäusern aktiv/ Gutmütigkeit wird eiskalt ausgenutztVON EVA-MARIA VOCHAZER BERLIN.Wenn Klassik-Stars wie der Dirigent Nikolaus Harnoncourt oder die Geigerin Anne-Sophie Mutter in den Konzertsälen der Stadt auftreten, sind die Eintrittskarten meist schnell ausverkauft.Clevere Geschäftemacher nutzen die große Nachfrage dann aus, um in wenigen Stunden hohe Profite zu erzielen.Die Kartenhaie geben sich gerne als arme Studenten aus, kaufen vor den Eingängen der Konzerthäuser überzählige Tickets von Besuchern auf und bieten diese zu Höchstpreisen anderen Klassikliebhabern an.Die Veranstalter haben auf öffentlichem Straßenland kaum Möglichkeiten, die Schwarzhändler dauerhaft zu vertreiben. Ein typischer Fall: Eine ältere Dame, Abonnentin der Konzerte des Berliner Philharmonischen Orchesters, hat eine Karte abzugeben.Sie will einem Studenten, der in der langen Schlange der Wartenden vor der Philharmonie steht, eine Freude machen und gibt das Ticket günstig weiter.Im Konzert sitzt dann ein gänzlich unbekannter Mann neben ihr, der einen erheblich höheren Preis für die Karte bezahlt hat."Auf den Studenten falle ich bestimmt nicht wieder herein", schrieb sie dem Tagesspiegel. Daß dieser Trick nicht ungewöhnlich ist, bestätigen weitere Opfer der Kartenhaie.Ein Fan des Star-Cellisten Mstislaw Rostropowitsch legte bei dessen Konzert Ende vergangenen Jahres 100 Mark beim Schwarzhändler hin, um in die Philharmonie zu gelangen.Dort erfuhr er von seiner verwunderten Sitznachbarin, daß diese ihr überzähliges Ticket für 15 Mark an einen "sympathischen jungen Mann" verkauft hatte. "Das sind für unsere Konzertbesucher ausgesprochen unerfreuliche Geschichten", reagierte Helge Grünewald, Pressesprecher der Berliner Philharmoniker.Im Foyer und an den Kartenausgaben im Haus selbst schreitet der von der Philharmonie beauftragte Sicherheitsdienst wegen Störung des Hausfriedens gegen die Schwarzhändler ein.Im Freien aber bewegen sich die Kartenhaie auf öffentlichem Straßenland .Strafbar ist der Handel nicht.Er verstößt lediglich zivilrechtlich gegen die allgemeinen Geschäftsbedingungen der Konzerthäuser, die einen öffentlichen und gewerblichen Weiterverkauf ihrer Karten untersagen. Die Schwarzhändler machen ihre Geschäfte nicht nur vor der Philharmonie, sondern auch vor der Deutschen Oper, der Staatsoper und dem Konzerthaus am Gendarmenmarkt."Bei uns hat es vereinzelte Fälle gegeben, und unser Abenddienst ist autorisiert, im Bereich unseres Hauses gegen diese Leute vorzugehen", berichtete Konzerthaus-Sprecher Martin Redlinger.Konzertgäste machten in der Vergangenheit Kassenmitarbeiter mehrfach darauf aufmerksam, daß sich Schwarzhändler vor dem Haus aufhielten. In der Staatsoper Unter den Linden sind die Kartenhaie ebenfalls keine Unbekannten, besonders wenn Konzerte mit hochkarätiger Besetzung auf dem Programm stehen."Wir können nur an die Klugheit und Aufgewecktheit unseres Publikums appellieren, nicht auf diese Leute hereinzufallen", sagte Sprecher Stephan Adam.Er rät den Konzertbesuchern, grundsätzlich zuerst in der Kassenhalle nach Tickets zu fragen und nicht schon vor der Tür auf die Schwarzhändler hereinzufallen.Auch wenn die Schlange vor der Kasse kurz vor Konzertbeginn noch endlos scheint - "wir warten dann auch schon mal fünf Minuten, bis alle Besucher im Saal sind."

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