Berlin : Lust am Drama

Die Deutsche Oper startet heute in die Saison Bariton Simon Pauly freut sich schon darauf

Elisabeth Binder

Wenn Simon Pauly „früher“ sagt mit seiner volltönenden Stimme und der exakt ziselierten Intonierung, dann klingt das, als meine er jene lang versunkenen Zeiten, als Mozart oder Wagner noch auf Erden weilten. Früher: ein Dickicht, das die Lebenden niemals durchdringen werden. Dabei schreitet er nur in die eigene Kindheit zurück, und die ist sooo lange nun auch wieder nicht her.

Der 1,96 große Bariton mit den blitzenden weißen Zähnen ist erst 31 Jahre alt, gerade geworden, und er wird von der am heutigen Sonnabend beginnenden Spielzeit an zum ersten Mal festes Ensemble-Mitglied der Deutschen Oper sein. Das „Früher“ spielt in Bayreuth. Dorthin verschlug es die Eltern, Vater Chirurg, Mutter Neurologin, als er neun Jahre alt war. So ziemlich das Erste, was der Junge tat, der Musik liebt, seit er denken kann, war, sich mit einem Schild vors Festspielhaus zu stellen: „Suche Karte für Tannenhäuser“. Inzwischen kann er das gut als Anekdote erzählen, denn die Rolle des Wolfram von Eschenbach in Alexander Schulins Neuproduktion von „Tannhäuser“ gehörte vor zwei Jahren zu seinen ganz großen Bisher-Erfolgen.

Eigentlich hat er ja immer Trompete gespielt. Das war sein Instrument, Trompete wollte er studieren. Seine Teenagerjahre hindurch nahm er immer wieder an den Jugendfestspieltreffen teil mit Musikern aus aller Welt. „Der besondere Reiz lag darin, dass man eine Chance hatte, an Festspielkarten zu kommen“, verrät er. Aber natürlich ging man auch gemeinsam auf Tournee durch Oberfranken. Durch das Trompetenspiel hat er sich schon früh mit Atemtechnik ausgekannt, hatte Erfolg bei „Jugend musiziert.“ Eines Tages, es war das Jahr 1995, das Jahr der Abiturprüfung, half er mit der Trompete bei einer Orchestermesse aus. Aufgrund einer spontanen Eingebung fragte er den Chorleiter Manfred Hegen, ob er nicht mal eine Gesangsstunde nehmen könne. Der war von der Stimme gleich so begeistert, dass er ihm vorschlug, sechs Wochen später bei „Jugend musiziert“ als Sänger teilzunehmen.

Es macht Simon Pauly offensichtlich noch heute Spaß, sich an die verblüfften Gesichter seiner Familie während seines überraschenden Auftritts zu erinnern. Er gewann den Wettbewerb und eine berufliche Zukunft. Mit 23 schloss er das Studium ab, debütierte in München, ging unter anderem für vier Jahre nach Kiel, wo er Intendantin Kirsten Harms kennenlernte und war zuletzt in Krefeld und Mönchengladbach engagiert.

Was ihm am Singen so viel besser gefällt? Die Verbindung von Musik und Sprache ist es einerseits: „Ich habe eine starke Beziehung zum gesungenen Wort.“ Andererseits ist es aber auch die Lust an der Darstellung, am großen Drama. Das macht ihm Spaß: „Solange es eine gute Inszenierung ist.“

Lampenfieber? „Man fühlt sich vor einer Aufführung eher wie ein Pferd in der Box.“ Die Freude, auftreten zu dürfen, überwiege allerdings. Filme zu machen oder CDs oder auch mal poppige Arien, all das scheint ihn erst mal nicht sonderlich zu interessieren. Der direkte Kontakt zur Musik hingegen ist ihm wichtig.

Er nimmt sich Zeit für den Versuch, das zu erklären. „Durch die Spannung zwischen Orchester, Sänger und Publikum entstehen Momente, die man nicht erklären kann. Es passieren Dinge, die unvorhersehbar sind. Und unwiederholbar.“ Für diesen Reiz des Einmaligen müsse man allerdings eine große Offenheit mitbringen, „damit Platz da ist, dass etwas Neues entstehen kann.“

Unter den Baritonen gibt es verschiedene Kategorien, er selbst, sagt er, sei ein „lyrischer Bariton“. In der kommenden Spielzeit tritt er unter anderem in Mozarts „Zauberflöte“ als Papageno auf, eine Rolle, in der er schon Erfolge gefeiert hat. Da liegt die Frage nach Kindern natürlich nahe. „Noch nicht“, sagt er, obwohl er Privates von Beruflichem gerne trennt. „Aber ich bin schon lange sehr glücklich liiert.“

Ach ja, die weißen Zähne. Die pflegt er mit einer Ultraschall-Zahnbürste. Den Tipp hat er von einem „ganz alten Freund“, der Zahnarzt ist. Als er nach Berlin kam, stellte er fest, dass viele seiner ganz alten Freunde hier gelandet sind. So wie er das erzählt, klingt es plötzlich munter, fast quirlig. Endlich verrät auch die Stimme sein noch jugendliches Alter und identifiziert ihn eindeutig als würdiges Mitglied der Berliner Generation Zukunftsfreude.

Heute gibt es von 13 bis 18 Uhr einen Tag der offenen Tür mit musikalischen Kostproben, Kinder können Instrumente erkunden und am Training des Balletts teilnehmen. Der Eintritt ist frei.

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