Berlin : Lust auf Luftverkehr

Dieter Nickel steht seit 39 Jahren in den Diensten des Tempelhofer Flughafens Wie kaum ein anderer kennt er sich auf dem Riesengelände aus

Konstantin Vogas

In Dieter Nickels Leben gibt es eine alles bestimmende Konstante. Die heißt Tempelhof. Seit 39 Jahren steht er nun in Diensten des Flughafens. Mittlerweile sogar unbezahlt. Dabei hatte es anfangs so ausgesehen, als ob es nicht mal für einen Tag reichen würde. 1967 suchte die US-Airforce, damals Hausherrin auf dem Flughafen, einen neuen Leiter für die Bauabteilung. Der 29-Jährige war schon auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch, als er einen Studienfreund traf, der es auf dieselbe Stelle abgesehen hatte: Keine Chance, sagte der, die Amerikaner suchen jemanden mit Erfahrung. Nickel hatte gerade sein Diplom gemacht. Doch ein paar Wochen später stand wieder eine Anzeige in der Zeitung. Diesmal suchten die US-Streitkräfte einen Bauingenieur für Tempelhof – und diesmal klappte es, auch ohne Berufserfahrung. Schon bald war er stellvertretender Leiter der Bauplanungsabteilung und zuständig auch für die Erhaltung der historischen Bausubstanz. Als die Amerikaner nach der Wiedervereinigung abzogen, übernahm ihn die Betreibergesellschaft des Flughafens.

39 Jahre später, mittlerweile im Ruhestand, steht Nickel noch immer in der Eingangshalle des Flughafens. Der Ort lässt ihn nicht los, mehrmals wöchentlich bietet er Führungen an. Für alle, die etwas über den Mythos Tempelhof erfahren wollen. „Willkommen auf meinem Flughafen“, ruft er seiner nächsten Besuchergruppe zu. Die Leute lachen. Nach einer kurzen Einleitung folgen sie ihm ins Innere des monumentalen Gebäudekomplexes, in dem er sich auskennt wie kaum ein anderer. Viele falsche Vorstellungen gebe es über Tempelhof, sagt Nickel. So muss er immer wieder erklären, dass es nie einen Fluchttunnel von der Reichskanzlei hierher gab und auch keine zweite Stadt unter der Erde. Luftschutzkeller natürlich schon, die waren ja obligatorisch.

Mit den Amerikanern, die den Flughafen seit Ende des Zweiten Weltkriegs militärisch nutzten, habe er immer gut zusammengearbeitet, erinnert sich Nickel. Seine Chefs, Captains der Airforce, wechselten alle zwei Jahre, und so war er der eigentliche Chef. Spätestens seit Anfang der siebziger Jahre galten die Deutschen nicht mehr länger als „Krauts“, als ehemalige Feinde. Und die Amerikaner waren im Gegenzug längst von Besatzern zu Freunden geworden. Es herrschten lockere Umgangsformen, auch wenn die deutschen Flughafenangestellten bei den großen Stabssitzungen immer in der zweiten Reihe standen. Selbst das tägliche Fahnenzeremoniell hatte irgendwann nichts Befremdliches mehr. „Wenn um 17 Uhr die Flagge eingeholt wurde und ich gerade vorbeikam, bin ich natürlich auch stehen geblieben“, sagt Nickel. Gut ein Dutzend Dienstreisen in die USA hat ihn der Bau des Radarturms am Rand des Vorfeldes eingebracht – sein größtes Projekt, fertiggestellt 1982. Bei den entsprechenden US-Dienststellen sei er bestens bekannt gewesen. Sogar einen dicken Dienstwagen und ein Walkie-Talkie haben ihm die Amerikaner gestellt. Nie hätte er gedacht, dass all das jemals vorbei sein könnte. Dass die US-Armee als West-Berliner Schutzmacht irgendwann abziehen würde. „Ich hab wirklich geglaubt, die bleiben ewig hier“, sagt Nickel. Und dann kam mit der Wende plötzlich doch alles ganz anders. Im Jahr 1993 verließen 1500 US-Militärangehörige den Flughafen. Für die 750 deutschen Zivilangestellten brachen ungewisse Monate an. Doch Nickel hatte wieder Glück und behielt seinen Job. „Hab eben darauf geachtet, mich nicht selbst abzuwickeln“, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln.

Wie es mit seinem Flughafen in Zukunft weitergeht, weiß Nickel allerdings auch nicht. Das ewige Hin und Her macht ihn ein wenig ärgerlich. „Rin in die Kartoffeln, raus aus die Kartoffeln“, sagt er, das sei Gift für Tempelhof. Kein Investor würde sich unter diesen Bedingungen hier noch ansiedeln. Der Großteil der Gebäude steht seit Jahren leer. Und jetzt wurde in Schönefeld auch noch mit den Bauarbeiten für den neuen Großflughafen begonnen. Keine guten Aussichten. Und trotzdem: „Er hat seinen Platz in Berlin“ und „Abriss wird’s nicht geben“, sagt Nickel zum Abschied. Die Besuchergruppe hat sich mittlerweile Richtung Platz der Luftbrücke verstreut. Nickel steigt in seinen Wagen. Morgen ist wieder ein langer Arbeitstag.

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