Berlin : Lust aufs Single-Leben

Ursula Wagner lehrt die Kunst des Alleinseins

Elisabeth Binder

Auch das Alleinsein kann man lernen. Und das wird offenbar eine immer gefragtere Kunst. Denn die Zahl der Einpersonenhaushalte wächst ständig, in Berlin zwischen 1991 und 2004 von 787 000 auf 951 000. Nicht alle Singles sind freiwillig allein, viele leiden auch unter der Einsamkeit. Auf solche Fälle hat sich die Psychologin Ursula Wagner spezialisiert. Bevor sie ihren derzeitigen Partner kennen lernte, war sie sechs Jahre Single.

Wenn jemand zu ihr kommt, um endlich das Single-Dasein zu überwinden, gibt sie nicht gleich Tipps zur Partnersuche. Am Anfang steht eine Bestandsaufnahme, dann kommt ein Training, in dem man die Kunst des Alleinseins erlernt. Wer die Einsamkeit seiner eigenen vier Wände nicht aushalten kann und voller Verzweiflung sucht, bereit, jeden einigermaßen passend aussehenden potenziellen Partner mit dem Lasso einzufangen und nie mehr loszulassen, hat in der Regel wenig Chancen, in einer glücklichen Beziehung zu landen. Gelassenheit ist eine viel bessere Ausgangsposition.

Aber wie findet man die notwendige innere Unabhängigkeit? Ursula Wagner rät beispielsweise dazu, Rituale ins Single-Leben einzubauen. Die sollen ihren Klienten helfen, eine gute Zeit mit sich selber zu verbringen. Weg vom zwanghaften Muster, das sie mit den Begriffen „Feierabend, Kühlschrank, Wein, Fernsehen“ beschreibt. Stattdessen Tee trinken aus einer besondere Tasse, eine Kerze anzünden, mindestens zehn Minuten lang gar nichts tun und gespannt sein auf die Gedanken, die dann kommen.

In ihrem gerade erschienenen Buch „Die Kunst des Alleinseins“ beschreibt die 41–jährige Berlinerin zahlreiche Meditationen und Übungen, die helfen sollen, das Alleinsein besser zu bewältigen. Weite Teile befassen sich mit spirituell initiierten Formen des Alleinseins. Die dürften für den normalen Single, der keinerlei entsprechende Berufung verspürt, allerdings schwer nachzuahmen sein, auch exzessive Selbstbespiegelung ist sicher nicht jedermanns Sache. Eine ganze Reihe von Interviews hat die langjährige Management-Trainerin mit buddhistischen und katholischen Nonnen geführt.

In ihren Interviews mit Ordensleuten spürt sie auch der Frage nach, wie man ohne Sex glücklich leben kann. Der Mangel an Sex bedeutet nach ihrer Erfahrung für viele Singles aber sowieso nicht die schlimmste Prüfung ihrer Lebensform. Viel größer sei die Sehnsucht nach Nähe, nach Austausch, nach Selbstverständlichkeit. Singles müssen viel mehr organisieren als normale Leute. Mit wem könnte man in Urlaub fahren? Wo soll man Silvester verbringen? Mit wem kann ich über den Ärger im Beruf reden?

Wer sich entschließt, die Kunst des Alleinseins zu lernen, kommt damit unter Umständen auch in einer Partnerschaft weiter. Man stelle sich nur vor, das Herz ist voll, aber der Partner zu müde, sich anzuhören, was man gerade unbedingt loswerden will. Das könnte zu Frust und Krach führen. Es sei denn, man erinnert sich, dass es auch ohne Partner geht und ruft die beste Freundin an oder schreibt das Tagebuch voll. Je unabhängiger man ist voneinander, desto größer die Chance, dass die Liebe lange anhält.

Wer zu Ursula Wagner in die Sprechstunde kommt, muss sich mit manchmal komplizierten Fragen auseinander setzen: „Was soll sich durch eine Beziehung eigentlich verbessern?“, lautet eine von ihnen. „Wie wird mein Leben in zehn Jahren aussehen, wenn ich keinen Partner finde?“ eine andere. Eine Klientin wurde von ihr gebeten, doch mal ihren Wochenablauf aufschreiben. Jede Menge Aktivitäten kamen darin vor, vom Frauensport bis zur Frauenmeditationsgruppe, dazu ein Job mit lauter Kolleginnen. „Wie wollen Sie in dem Umfeld denn jemals einen Mann kennen lernen“, fragte Ursula Wagner. „Versuchen Sie’s doch mal im Baumarkt.“

Ursula Wagner, Die Kunst des Alleinseins, Theseus-Verlag, 19,90 Euro

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