Berlin : Lustlos

Bernd Matthies

wünscht sich einen souveräneren Regierenden Ein alter Berliner Sinnspruch lautet: „Det schadt meiner Mutter jarnüscht, wenn mir die Finger abfrieren. Wat kooft se mir keene Handschuhe?“ So ist der Hauptstädter: Läuft was schief, trägt er sein Schicksal trotzig, unter Schmerzen. Sollen die anderen doch sehen! Klaus Wowereit erweist sich in diesem Sinn als echter Berliner Junge. Alle haben ihn geärgert, die Presseleute, die Opposition, die Leute überhaupt, und das nur, weil sie diese spießigen Vorstellungen davon hatten, wie sich ein Regierender benehmen müsse. Zu viel geknutscht? Dann eben nicht.

Nun geht er nicht zum Bundespresseball, keine Lust. Das ist an sich schon recht komisch. Denn seit wann werden hohe politische Repräsentanten gefragt, ob sie Lust haben, ihre Repräsentationsaufgaben wahrzunehmen? Wäre es auch nur denkbar, dass der Wiener Bürgermeister mit dieser Begründung den Opernball schwänzt? Aber in Berlin geht das: Schadet der Stadt gar nichts, meint Wowereit, was hat sie ihn so geärgert?

Die Sache selbst: geschenkt. Das Irritierende sind Wowereits unsouveräne Reaktionen. Statt aus dem negativen Echo zu lernen und seine öffentlichen Auftritte einfach ohne viel Getue ein wenig dezenter zu gestalten, fällt er ins Gegenteil und demonstriert offen, wie sehr er sich missverstanden fühlt. So ist Berlin: früher Krähwinkel, heute Schmollwinkel. Auch nicht viel besser. (Seite 10)

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