Berlin : Lutz Lehmann ist Parfümeur in der kleinsten Duftfabrik Deutschlands

Thomas Loy

So ist es total falsch: Nasenflügel blähen, Luft hineinzwingen, womöglich noch die ganze Oberlippenpartie hochziehen. Das ist schrecklich grob und unsensibel. Solche Nasenverkrümmungen sind allenfalls zur Aufnahme von Schnupftabak oder Riechsalz zulässig. Ein Anfängerfehler. Lutz Lehmann entschuldigt sich. Der Fotograf habe wegen der Optik gedrängelt, und Wünsche kann er nicht ablehnen - eine berufsbedingte Schwäche.

Zum Aufnehmen von Düften, dem langsamen Überströmen der Riechschleimhaut mit Geruchsmolekülen, wird die Luft nur kurz angehoben und wieder fallengelassen. "Flach atmen", sagt Parfümeur Lehmann, sonst setzt nach dem dritten Duftstoff der olfaktorische Overkill ein und hinterlässt womöglich Millionen von Riechzellen im Dauerkoma.

Lehmann muss das wissen. Seit seinem siebten Lebensjahr schnuppert er sich durch die Welt der Gerüche, lernt das spärliche Vokabular der Düfte, sucht nach neuen, unbekannten Parfüms. Klassisch-sportlich gekleidet, steht der schlanke Mann jeden Tag im Familiengeschäft in der Kantstraße 106 und verkauft "Parfüms nach Gewicht".

Die im Gleichtakt schwingende Bassstimme und die äußere Erscheinung im Grenzbereich zwischen Hardy Krüger und Heino verleihen ihm eine sympathische Autorität. Und natürlich die Nase, die Säule seiner Existenz, bisher noch mit keiner Mark versichert. Sie wird immer besser, sagt Lehmann, der sie schon seit 45 Jahren stolz vor sich her trägt, während er seine Hände meist hinterm Rücken versteckt.

Lutz Lehmann ist wahrscheinlich Berlins einziger Parfümeur. Üblicherweise arbeiten seine Kollegen bei den großen Häusern wie Chanel oder Aigner und verdienen ein Vielfaches. Dafür fehlt ihnen der Kontakt mit den Kunden, der Augenblick, da ein neues Parfüm sich zum ersten Mal auf der Haut einer schönen Frau entzündet.

Sowas möchte Lehmann nicht missen. Und nicht den Geruch des Grunewaldes, wenn der Wind von Südwest Extrakte von Borken, Moosen und Blüten herüberweht. Und auch nicht sein Labor, die verbotene Gerücheküche im Keller, die kein Außenstehender betreten darf. Dorthin zieht sich Lehmann oft nach Feierabend zurück und experimentiert mit Pipette und Messbecher an neuen Duftnoten herum. Das kann einen Monat dauern, oder ein halbes Jahr. Für einen guten Duft spielt Zeit keine Rolle; er reift langsam wie ein guter Kognak.

Im Keller sind der Hausduft "Eau de Berlin" entstanden: modern, intensiv spritzig, frisch, oder das Parfüm "Point of no return": maskulin, holzig, würzig. Die Sprache bietet immer nur holprige Annäherungen an Tausende unterschiedlicher Gerüche, die oft nur eine kleine Nuance voneinander abweichen. Wenn Kunden ein Parfüm für sich wünschen, hält Lehmann ihnen nacheinander die Glaskolben seiner 50 Vorratsfläschchen mit den gängigsten Lockstoffen vor die Nase und tastet sich nach dem Trial-and-Error-Verfahren langsam an die persönliche Note heran.

Zwei junge Frauen suchen einen Duft für ihre Mutter, "in Richtung Chanel No. 5". Lehmann greift zielsicher nach "Weißer Blütenzauber" - blumig, hell strahlend - und schlägt vor, etwas "Maiglöckchen" - zart, spielerisch - hineinzumischen. Für jeden Kunden, der sich Zeit nimmt, stellt Lehmann ein individuelles Parfüm zusammen. Sowas gibt es bei Aigner nicht. Allerdings will der zurückhaltende Dufterfinder - anders als Aigner - keinesfalls Durchschlagskraft beim Flirten oder Karrieremachen garantieren. Das Parfüm, so Lehmann, sei nur der Schlussstein der Persönlichkeit. Wenn das Fundament nichts taugt, hilft auch das Aroma nicht weiter.

Parfüm nach Gewicht

Lutz Lehmann hat eigentlich Industriekaufmann gelernt, doch die Mitarbeit im elterlichen Betrieb ergab sich wie von selbst. In der Tradition des Firmengründers - Großvater Harry Lehmann eröffnete das Geschäft 1926 in der Potsdamer Straße - wurde die vor 73 Jahren zündende Idee, Parfüms nach Gewicht zu verkaufen und damit die teuren Glasflakons einzusparen, eisern beibehalten. 1958 zog das Geschäft in die Kantstraße um, und der 15 Grad kühle Keller ist noch heute die kleinste professionelle Duftfabrik Deutschlands.

Neu sind immer nur die Duft-Moden, aber auch nur deshalb, weil das Gedächtnis nicht weit zurückreicht. Veilchen und Maiglöckchen waren schon in den zwanziger Jahren beliebt. Eine Duftindustrie wie in Frankreich ist in Deutschland unbekannt. Die ätherischen Öle aus Gräsern, Wurzeln, Farnen und Blütenpflanzen kommen - wie Patrick Süskind es in seinem Buch "Das Parfüm" bescheibt - meist aus dem südfranzösischen Grasse.

Menschliche Gerüche sind nutzlos

Der Süskind-Bestseller ist eine Art Pflichtlektüre für Parfümeure, auch wenn es "ein Märchen" ist und der geniale Duftfanatiker und Mädchenmörder Jean-Baptiste Grenouille ein Dämon. Den Geruch eines Menschen einzufangen, sei unmöglich und überdies parfümologisch völlig nutzlos, sagt Lehmann. Er hat zwar seinen eigenen Duftgeschmack, mischt sich auch gelegentlich sein persönliches Duftwasser zusammen, aber "dafür muss man keine Menschen umbringen." Auf den Satz folgt ein dezentes Lächeln.

Lehmann ist kein Dämon, sondern "unbezahlbar", wie seine 82-jährige Mutter Edith befindet, die immer noch im Geschäft mitarbeitet. Wenn Lutz mit seinen Flakons hantiert, kümmert sich seine Mutter um die Blumen-Kunden. Blumen sind das zweite Standbein der kleinen Duftfabrik. Dreiviertel der Ladenfläche sind von einem Blütenmeer bedeckt. Es ist allerdings ein totes Meer. Die Blumen sind aus Stoff und Draht, ohne Eigengeruch. Um ihnen Seele einzuhauchen, besprengt Lehmann sie mit Parfüm, zu dessen Herstellung vor Jahren ein Meer von echten Blüten ertränkt und zerstampft worden ist.

Auch das klingt verdächtig märchenhaft.

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