Berlin : Lutz Neuendorf (Geb. 1943)

Oft ist es mit den Eltern schwerer als mit den Kindern.

Anselm Neft

Braungebrannt, mit entspanntem Lächeln steigt der junge, sportliche Arzt aus einem großen japanischen Sportwagen. Seine Levis 501 sitzt perfekt, das Jackett hat er über die Schulter geworfen, ein Ohrstecker blitzt in der Sonne. James „Sonny“ Crockett und Miami Vice sind noch nicht erfunden, aber es gibt bereits Lutz Neuendorf in Lichterfelde-West. Den angehenden Kinderarzt erkennt man erst auf den zweiten Blick: Gelassen, freundlich, bescheiden. Eine Mischung, die ihn bei den Krankenschwestern des Rittberg-Krankenhauses sehr beliebt macht. Viele sind traurig, als er nicht Oberarzt wird, sondern seine eigene Praxis eröffnet.

Das unausgebaute Stockwerk in der Drakestraße ist anfangs eine Ruine. Aber Lutz hat genaue Vorstellungen. Befreundete Architekten setzen sie um: Hinter der Rezeption öffnet sich ein riesiger Raum, lichtdurchflutet, mit beiger Auslegeware und roten Türen. Die Praxis ist so groß, dass hier zwei Ärzte praktizieren könnten. Es dauert jedoch sieben Jahre, bis Lutz den richtigen Partner findet: Doktor Niesert-Skibinski, den er beim Mittagstischtennis im Rittberg-Krankenhaus kennengelernt hat.

Immer mehr Eltern bringen ihre Kinder in die Drakestraße. Lutz sieht mit sicherem Blick, wann es ernst ist und wann ein paar beruhigende Worte genügen. Auf Karteikarten notieren er und sein Partner Wissenswertes über Eltern und Kinder: „Mausezahn schrie und schrie. Mama hilflos“ oder „Schnutziputzi will nicht bei Papa auf den Arm“. Oft ist es mit den Eltern schwerer als mit den Kindern. Einige von ihnen kommen mit kompletten Diagnosen zu ihm, die sie Internet-Artikeln entnommen haben. „Ach, Sie sind eine Kollegin?“, fragt Lutz dann.

Kinder heilen, Eltern beruhigen, die Buchhaltung erledigen. Lutz ist froh, dass er mit Krankenschwester Susanne eine Frau heiratet, die ihn in der Personalführung unterstützt und schon einmal durchgreift, wo er und sein Partner nur lieb lächeln. Mit Susanne adoptiert Lutz zwei Kinder: Nils und Maja.

Als Nils volljährig ist, beginnen die Reisen nach Portugal. Lutz reist allein. Jedes Jahr im Mai. Die Ehe mit Susanne wird geschieden, Maja zieht zu Lutz, Lutz reist weiter nach Portugal. Solange bis er seine Jugendliebe Jenny wiedertrifft, die es nach L. A. verschlagen hat. Lutz ist fasziniert von den USA . Hier haben Ärzte einen hohen Status. Hier gibt es keine Ulla Schmidt. Freunde schließen schon Wetten ab, wann er übersiedelt. Allein schon wegen der Indianer. Neben Hockey, Tennis und Ski eine Leidenschaft von Lutz. Vermutlich steckt Karl May dahinter.

Schon als Kind hat Lutz viel gelesen. Ein Einzelkind, das in den Trümmern um den Winterfeldplatz spielte und den Vater erst im Kindergartenalter kennenlernte. Damals wollte Lutz auch Offizier werden. Nur vielleicht ohne Krieg und Gefangenschaft.

Lutz begleitet Vater und Mutter im Sterben. Bei der Mutter ist es besonders schlimm. Schlaganfälle führen zu Sprachstörungen, Bewegungsunfähigkeit und schließlich zu einem qualvollen Tod. So will Lutz auf keinen Fall enden. Als er einen Kleinhirninfarkt erleidet, bekommt er es mit der Angst zu tun. Da er mehr lallt, als spricht, halten die Ärzte ihn für betrunken und schicken ihn nach Hause. Zum Glück hat die Fehldiagnose keine Konsequenzen.

In die USA zieht Lutz nicht. Der Grund heißt Karin, ist Steuerfachfrau und hat eine Tochter namens Annmarie. 2004 heiraten sie, 2006 adoptiert Lutz Annmarie, die er schon als kleines Mädchen in seiner Praxis behandelt hat. Jetzt ist sie erwachsen, studiert Ernährungswissenschaft und kann sich mit Lutz über vieles unterhalten. Medizin, Sport, Literatur, Politik, Geographie – es gibt kaum etwas, das ihn nicht interessiert.

Immer neue Gesetze bescheren den Ärzten immer neuen Papierkram. Lutz ist froh, dass er alles an Karin abgeben kann. Vor allem freut er sich, dass sie seine Liebe zum Reisen teilt: Der Copper Canyon in Mexiko, die Jack-Daniels-Brauerei in Tennessee, die Milchstraße über dem Big-Bend-Nationalpark.

Freitag, der 13. März, ist sein letzter Arbeitstag. Tumore im Hirn machen eine Operation unvermeidlich. Lutz ist voller Hoffnung. Ein 66-Jähriger, der wie Mitte 40 wirkt. Es gibt Komplikationen. Immer öfter weicht die Hoffnung der Angst. Die letzten neun Tage im Hospiz sind ein langer, schwerer Abschied. Am Ende stirbt Lutz wie seine Mutter. Anselm Neft

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