Berlin : Luxus für lockere Berliner

Herrenausstatter Ermenegildo Zegna öffnete ein „Schaufenster zur Welt“

Grit Thönnissen

Es werden wohl lange nicht mehr so viele elegante Italiener am Kurfürstendamm 185 zusammenkommen wie an diesem Donnerstagabend. In grauen Anzüge stehen sie zwischen Seidenkrawatten, Ledertaschen, so genannten „Weekendern“, in denen man auch einen Smoking für den Kurztrip an die Côte d’Azur verstauen kann. Mitten unter ihnen, Ermenegildo Zegna, der genauso heißt wie sein Unternehmen, das er zusammen mit seinem Cousin Paolo führt und der zweitgrößte Herrenausstatter der Welt ist. Gern können die Fragen auf Deutsch gestellt werden, er verstehe das sehr gut. Schließlich hat Signor Zegna während seines Wirtschaftsstudiums vor mehr als 25 Jahren ein Praktikum bei Mientus gemacht. Der ist jetzt Nachbar vis-à-vis . Zegna hat sich die luxuriöseste Ecke des Boulevards ausgesucht: Filialen von Jil Sander, Louis Vuitton und Gucci sind nur ein paar Häuser weiter.

Auch wenn das traditionelle Unternehmen jetzt auch „High Design“ anbietet, Gildo Zegna, wie ihn alle der Einfachheit halber nennen, spricht lieber über Zahlen als über die neuesten Farben der Saison. Dass der Verbraucherindex in Deutschland ebenso wie die Konjunkturkurve aktuell wieder nach oben zeigen, elektrisiert ihn geradezu. Und er ist überzeugt: „Die Leute wollen wieder mehr Geld für Mode ausgeben, vor allem für luxuriöse – auch in Berlin.“ Mit Anzügen, die oft spielend die 1000-Euro-Marke hinter sich lassen, bis hin zu Maßanfertigungen, bei denen über Preise nicht mehr gesprochen wird, konnte Zegna im vorigen Jahr seinen Umsatz in Deutschland um 30 Prozent steigern.

Der Berliner Laden ist Gildo Zegnas sechster in Deutschland. Er sei sein bisher schönster: „Er ist ein Schaufenster zur Welt.“ Er hofft auf internationale Kundschaft, immerhin sei das hier eine Hauptstadt. Und dass der Berliner nicht gerade durch das Tragen von eleganten Anzügen auf sich aufmerksam macht, weiß Gildo Zegna positiv zu bewerten: „Die Berliner sind nicht so steif, sie tragen halt nicht so gern Krawatten.“ Sie seien „locker“ – das Wort sagt er auf Deutsch, weil er findet, dass es den hiesigen Modestil am besten umschreibt.

Und da er weiß, dass es die Berliner locker mögen, hat er auf einen allzu eleganten Auftritt verzichtet und ein sportliches blaues Sakko zu einer beigen Chinohose kombiniert – er will ja seine potenziellen Kunden nicht mit zu viel italienischer Eleganz einschüchtern. Dass das gut klappt, zeigt ein nicht mehr ganz junger Mann in Jeans und Pullover, der sich in aller Ruhe Badehosen mit buntem Hawaii-Muster zeigen lässt, obwohl um ihn herum Kameras für ein Fernsehinterview aufgebaut werden. Als er mitbekommt, dass der Chef ihm persönlich gegenüber- steht, zeigt er stolz das Schild seiner Lederjacke: „Die ist auch von Zegna“. Das beeindruckt Gildo Zegna, schließlich gehören die Jacken mit zu seinen teuersten Waren. Im Berliner Laden gibt es einige davon – „für unsere russischen Kunden. die wollen immer das, was am meisten kostet“.

Da das für seine Berliner Klientel nicht gerade zutrifft, musste Zegna bei der Auswahl der Waren sehr sensibel vorgehen: Deshalb werden direkt am Eingang die Accessoires ausgestellt. Denn ein Gürtel ist ja immer drin.

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