Berlin : macht einem Pizzakönig keine Schande

Elisabeth Binder

Alt-Moabit 99, 10559 Berlin-Tiergarten, Telefon: 399 60 55, geöffnet: täglich von 11 Uhr an, Kreditkarten: keineElisabeth Binder

Klischees sind weitaus haltbarer als Joghurt. Weshalb sich unnötig lange der wahrscheinlich aus Zille-Zeiten tradierte Eindruck hielt, Berliner ernährten sich vorzugsweise von Eisbein und Erbspüree. Nun möchten Sie wahrscheinlich wissen, was die Leute in 50 Jahren für das Nationalgericht der Berliner halten werden. Pasta natürlich. Insalata Caprese. Saltimbocca. Panna Cotta. Es ist fast unglaublich, wie viele neue italienische Restaurants eröffnen. Wir haben diese Küche längst naturalisiert und verdanken ihr unsere Leib- und Magengerichte. Dies nur zur Erklärung, warum schon wieder ein italienisches Lokal auftaucht. Diese Rubrik soll ja auch ein Spiegelbild der aktuellen Trends sein. Und die sind eindeutig grün-weiß-rot gestreift - sehr zur Freude meines Begleiters, in dessen Wohlfühl-Skala Italien unmittelbar nach Blankenese kommt. In diesen Gefilden kann für ihn nichts wirklich ernsthaft schief gehen. Eine Einstellung, die er (ausnahmsweise) mit vielen Berlinern teilt.

Das Scusi ist nicht mehr ganz neu, aber es hat einen besonderen Kick. Es befindet sich auf dem Gelände der alten Bolle-Meierei in unmittelbarer Nachbarschaft zu jenem riesigen, gläsernen Büroturm, der künftig das Innenministerium beherbergen wird. Dies alles, und nun kommen wir zum Besonderen, gehört dem Herrn Freiberger, der sein Geld mit Pizza gemacht hat. Mit Tiefkühl-Pizza, um exakt zu sein. Da muß man doch einfach mal vorbeischauen (und ruhig ein bißchen durch die Gegend spazieren, denn die Mischung von Spree und Zukunftsbauten und alter Meierei ist nicht ohne Reize).

Wir gelangen in ein freundliches Lokal mit karierten Tischdecken, farbigen Papierservietten, einer überdachten Terrasse und verglastem Ausblick auf eine Innenpassage. Ganz lustig gemacht. Hinzu kommt jenes unwiderstehliche Programm, das viele Bedürfnisse erfüllt: einige ausgefallene Spezialitäten, grundsolide Eckpfeiler der italienischen Küche und natürlich Pizza. Fangen wir damit mal an. Heute reicht es ja nicht mehr, die Klassiker von "Margherita" bis "Diavolo" auf die Karte zu setzen, mit denen sich ganze Studentengenerationen bei Laune gehalten haben. Was so ein richtiges Trend-Törtchen ist, das möchte schon mit etwas Poesie bedacht werden. Also war schon der Name schön "Vino Amore e Fantasia." Ist die Liebe dick? Der Teig war es leider ein wenig zu sehr. Dafür war der Belag gut. Alles kleingeschnitten, scharfe Plockwurst in Würfeln statt Scheiben, auch gut, Champignons, Sardellen. Eine grundanständige würzige Mischung aus Käse und Tomatensauce dazu. Gesamturteil: gehobener Durchschnitt, macht einem Pizzakönig keine Schande. Wenngleich der Name phantasievoller klingt, als sich das Gericht selbst dann präsentiert.

Eine Pizza bleibt eine Pizza, selbst wenn der Trend ihr ein Luxus-Outfit schneidert (15 DM). Origineller war da schon Vitello Tonnato, dünne Scheiben von gebratenem Kalbsrücken mit einer besonders dicken Thunfischsauce, vorzüglichen, weil etwas überdimensionierten Kapern, eher ungewöhnlichen, aber dennoch passenden Gürkchen und Möhrenstreifen (16,50 DM). Auch der Insalata Greca hatte einen gewissen Pfiff mit seinem feingehobelten Schafskäse und den Pfefferkörnern aus der riesigen Mühle (12,50 DM).

Noch besser als die Pizza waren die Hummerkrabben mit Reis, wirklich tolle Qualität in einer sehr gut abgestimmten Knoblauch-Weißweinsauce (27,50 DM). Zum Nachtisch gab es Cassata Siciliana mit ganz und gar vorzüglichem Schokoladeneis (7,50 DM). Auch an den Getränken gibt es nichts auszusetzen. Ein sauberer, leichter Weißwein "del giorno" für 36 DM befindet sich genau in der Preisklasse, die ein mittlerer Italiener verkaufen kann, ohne die Gäste unglücklich zu machen. Der halbe Liter des samtigen und ebenfalls nicht zu schweren offenen Chianti ist mit 15 DM auch nicht überbezahlt. Wer sich in vorweihnachtliche Stimmung versetzen möchte, findet zur Zeit ein mit geradezu kindlicher Verspieltheit dekoriertes Restaurant vor. Aber auch in weniger sinnenfrohen Jahreszeiten ist das Scusi ein richtig schönes Ausgehlokal für den leicht gehobenen Gebrauch mit modischem Einschlag und Neu-Berlin ringsum als Amuse Gueule. Also rasch noch einmal hin. Kann sein, daß es bald schon umfunktioniert wird in eine Ministeriumskantine. Ehrenhalber natürlich. Aber was wird das uns nützen, die wir nicht beamtet sind und dennoch mit Appetit auf Hummerkrabben behaftet?

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