Berlin : Macht hoch die Tür

Die Kirchen erwarten heute einen Ansturm. Für viele Berliner ist es der einzige Besuch im Jahr, die Kirchen aber begreifen es als Chance

Christian Tretbar

Angeblich will laut einer Umfrage jeder zweite Deutsche am heutigen Heiligabend in die Kirche gehen. Auch in Berlin erwarten die beiden großen Kirchen einen Besucherandrang. „Die Kirchen quellen in den letzten Jahren an Heiligabend über“, sagt Prälat Jüsten von der Katholischen Bischofskonferenz. Etwa 250 katholische Gottesdienste werde es zu Heiligabend geben. Bei der evangelischen Kirche werden es weit über 1000 sein.

„Es kommen immer mehr Besucher an Weihnachten“, sagt auch Cornelia Kulawik, Pfarrerin der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtnisgemeinde. In der Gedächtniskirche geht es um 15 Uhr im Zwei-Stunden-Takt bis Mitternacht los. Insgesamt hatte die evangelische Kirche Berlin am Heiligabend 2005 rund 30 Prozent mehr Besucher als noch im Jahr davor. „Und auch diesmal werden es wieder mehr sein“, erwartet Markus Bräuer, Sprecher der Evangelischen Kirche Berlins. Eine genaue Erhebung gibt es zwar nicht, „aber gefühlt gibt es einen sehr starken Zuwachs der Besucherzahlen“, sagt Stefan Förner, Sprecher des Erzbistums Berlin.

Allerdings wissen die Kirchenvertreter auch, dass längst nicht alle, die an Weihnachten in die Kirche strömen, regelmäßig in die Kirche gehen oder gar Mitglieder sind. Für viele ist es immer noch ein schönes Ritual, Weihnachten mal wieder einen Gottesdienst zu besuchen. Oft bleibt es das einzige Mal im Jahr. „Es gibt einige Pfarrer, die damit ein Problem haben, aber diese Ansicht teile ich nicht“, sagt Prälat Jüsten. Auch die, die nur aus Neugier kämen, symbolisierten ein Zugehörigkeitsgefühl. „Viele, die an Weihnachten kommen, suchen auch etwas, und wir können es schaffen, dass sie das nächste Mal nicht nur wegen des äußeren Anlasses kommen, sondern aus innerer Motivation“, sagt der Prälat.

Die evangelischen Kirchen in Berlin sind darauf vorbereitet, dass nicht die Kerngemeinde in den Kirchen sein wird. „Unsere Pfarrer werden sich um eine verständliche und zugängliche Predigt bemühen“, sagt Bräuer. Er sieht eine große Chance darin, dass Weihnachten auch Menschen in die Kirche gehen, die sonst nicht kämen: „Das ist nicht scheinheilig.“ Vielleicht stehe für einige die Unterhaltung im Mittelpunkt, „aber die Weihnachtsgeschichte ist eine harte Geschichte, weil es um Menschen am Rande der Gesellschaft geht, und damit muss man sich dann auseinandersetzen – egal, warum man gekommen ist.“

Aber nicht nur an der Begeisterung vieler Menschen, Weihnachten in die Kirche zu gehen, lesen beide Kirchen auch eine Zunahme der Religiosität ab. „Die Menschen fragen wieder stärker nach ihrer eigenen Motivation und ihren Wurzeln“, sagt Förner von der Katholischen Kirche. Der 11. September, die Auseinandersetzungen mit dem radikalen Islamismus und die Wahl Benedikts XVI. seien Gründe für die „Rückkehr der Religion“ (Bräuer). Auch die Institution Kirche rücke wieder stärker ins Bewusstsein. „Wir werden öfter als noch vor ein paar Jahren gefragt und ernst genommen“, sagt Prälat Jüsten. Es gebe keine andere Institution in der Gesellschaft, die so starken Einfluss und große Reichweite in die Gesellschaft habe. „Unser Kern ist sicherlich die gesellschaftliche Mittelschicht, aber mit unseren zahlreichen sozialen Projekten erreichen wir alle Menschen in unserer Gesellschaft“, sagt Prälat Jüsten. „Erfreulich ist auch, dass wir immer mehr Intellektuelle erreichen“, sagt der Prälat weiter. Das schlage sich auch in Zahlen nieder. „Wenn man bedenkt, dass 30 Prozent der Berliner Christen sind, ist das schon eine beachtliche Zahl – welche Partei, Gewerkschaft oder andere Institution kann das von sich behaupten?“, fragt Bräuer.

In der Mitgliederstatistik der Kirchen schlägt sich dieser gefühlte Wandel noch nicht so stark nieder. Immer noch müssen beide Kirchen mehr Austritte als Eintritte verbuchen. Allerdings geht die Zahl der Austritte zurück. Hatte die Evangelische Kirche in Berlin 1994 noch 22 000 Austritte zu beklagen, so waren es 2005 nur noch 5400. Rund 23 Prozent der Berliner sind evangelisch. Aus der katholischen Kirche traten 2000 noch 3709 Menschen aus. Fünf Jahre später nur noch 2640.

Gottesdienste an Heiligabend Seite 18

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