Berlin : „Macht keine Monster aus ihnen“

Was unsere Leser zum Thema meinen

Lars Dittmer[Kreuzberg]

Neulich sind mir allein auf weiter Flur zwei so typische Schlägertypen entgegengekommen, beide eher der Typ goldkettenbehängter Problemschüler, breitschultrig, südländisch, wahrscheinlich Türken oder Araber (ich wohne im Graefekiez in Kreuzberg). Ich fahre das klassische Abwehrverhalten auf, gehe möglichst gleichmäßig weiter, Blick auf den Boden, aufgesetztes Desinteresse, der gerade neu aufgemachte Spätkauf am Eck scheinbar viel wichtiger als diese beiden, die mich jetzt so und ohne weiteres zusammenschlagen und berauben könnten. Und so latsche ich weiter in mein mutmaßliches Verderben, als ich im Vorbeigehen höre, wie einer zum anderen sagt (in lupenreinem, fast akzentfreiem Deutsch): „Also ich mag am liebsten die Menschen, die immer grüßen.“ Macht keine Monster aus Ihnen.

Ich finde es unsachlich, dass in vielen Beiträgen von „Ausländern“, „Menschen mit Migrationshintergrund“ oder „türkischen Jugendlichen“ gesprochen wird. Zum einen weiß man im Regelfall nicht, mit wem man es zu tun hat. So gibt es allein in Berlin 60 000 eingebürgerte Deutsche. Zum anderen haben Gewalt oder Aggression nun wirklich nichts mit der Nationalität, ethnischen Abstammung oder Religion zu tun.

Ich und meine Familie haben des öfteren im gutbürgerlichen Zehlendorf die Aggression vieler Menschen zu spüren bekommen. Das ging so weit, dass meine Mutter von einem älteren Herrn mit den Worten „Türken haben auf deutschen Radwegen nichts verloren“ vom Fahrrad gestoßen wurde und verletzt am Boden liegen blieb. Im Umfeld stehende Passanten schauten zu, ohne zu helfen. Es muss endlich zur Kenntnis genommen werden, dass die mangelnde Erziehung und die soziale Herkunft die wichtigsten Faktoren für Gewalt sind. Dies gilt für alle Bevölkerungsteile im gleichen Maße.“ Dr. Hilâl Öztürk, Zehlendorf

Wie andere LeserInnen bin auch ich vor einiger Zeit aus Kreuzberg „geflohen“, weil ich die ständigen Pöbeleien sowie Beleidigungen und die damit verbundene Deutschenfeindlichkeit nicht mehr ertragen konnte. Von mir wird Respekt gegenüber den Werten anderer Kulturen gefordert – wo aber bleibt der Respekt gegenüber den Werten unserer Zivilgesellschaft, zu der Migranten doch gehören und die ein friedliches Zusammenleben ermöglichen? Marianne Meyer, Steglitz

Grundsätzlich erfreulich ist, dass diese Problematik angegangen wird. Ich als pazifistisch und humanistisch denkender Homosexueller, in Kreuzberg lebend, kann mich den Hilferufen nur anschließen. Ich habe keine Geduld mehr und mag mich nicht mehr in Toleranz gegenüber diesen dumpfbackigen, gewaltbereiten Jungmännern üben. Es ist mittlerweile unerträglich, wieweit man sich an die Einschüchterungen gewöhnt hat und Schritte und Blicke so lenkt, dass man ja nicht in Konfrontation mit denen gerät. Andreas Franke, Kreuzberg

Gute Idee, BVG- und S-Bahn-Kunden zur Zivilcourage aufzurufen, um der Gewalt entgegenzutreten. Erst werden Zigtausend Beschäftigte entlassen, Züge, Bahnsteige und Bahnhöfe von Personal entleert … und nun: Obdachlose und Jugendliche, vorwiegend ohne Perspektive, treiben sich dort herum, wo man keinen Eintritt zahlen muss. Vielleicht kann man noch mehr Vollstellen streichen bei Polizei, BVG und S-Bahn (wo gerade die letzten Beamten von den Bahnsteigen verschwinden). Dr. Heinz Hackelberg, Nikolassee

Ich, 22 Jahre alt, beobachte immer häufiger, dass die zwischenmenschlichen Konflikte in den öffentlichen Transportmitteln und außer Haus kein Gesellschaftsgruppenproblem sind, sondern eine Möglichkeit für die gestressten und frustrierten Mitbewohner darstellt, ihre aufgebauten Aggressionen herauszulassen. Meistens genügt ein Lächeln oder ein Wort, um die Situation zu entschärfen. Christine Jennrich

Auffällig ist, dass sich an der breiten Diskussion auf Ihren Berlin-Seiten über die Gewalt und die Verwahrlosung im öffentlichen Raum der Stadt, bei der auch konkrete Vorschläge gemacht wurden, keiner unserer Volksvertreter oder der Senatoren beteiligt. Hilf- und Ratlosigkeit? Desinteresse? In ihrem Wahlprogramm hatte sich die SPD noch ausdrücklich dazu bekannt, das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung ernst zu nehmen. Nikolai Losseff, Friedenau

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