Berlin : Machtwechsel in Berlin: Der Anruf kam in der Gemäldegalerie

Brigitte Grunert

Zu einem Ausflug mit der Mutter machte sich Christiane Krajewski am Mittwoch aus dem Saarland nach Berlin auf. Bis Montag wollte sie bleiben. Doch unverhofft wurde es eine Schicksalsreise. Am Sonnabend fand sich die frühere saarländische Ministerin für Wirtschaft und Finanzen als Berliner Finanzsenatorin wieder. So schnell kann sich das Dasein ändern. Mit der höchsten Stimmenzahl von allen Senatsmitgliedern wurde die 52-jährige Fremde mit dem schwarzen Hosenanzug und dem blonden Kurzhaar gewählt. Nur eine fehlte ihr aus den Reihen der SPD, Grünen und PDS; dem Regierenden Bürgermeister fehlten drei.

Zum Thema Online Spezial: Machtwechsel in Berlin Christiane Krajewski besah sich in der Gemäldegalerie am Kulturforum gerade Rubens und Rembrandt, als gegen zwölf Uhr ihr Handy klingelte. Der Anruf kam aus der SPD-Fraktion des Abgeordnetenhauses. Herr Wowereit wollte sie sprechen. Das Aufsichtspersonal scheuchte sie nach draußen. Man telefoniert nicht zwischen kostbaren alten Gemälden. Ein Telefonat, ein Treffen - nachmittags war sie von Klaus Wowereit eingekauft. Sie kannte ihn "flüchtig", womöglich nur, weil sein Name plötzlich bundesweit die Runde machte, als er der Großen Koalition ein Ende setzte.

Klaus Wowereit war ausgerechnet um die Besetzung des Finanzressorts bis zuletzt verlegen, aber der Genosse Bundesfinanzminister Hans Eichel half mit Rat und Fingerzeigen. Ja, sie habe schon einen Blick in den Haushalt geworfen, sagte Frau Krajewski Sonnabend in der Wandelhalle: "Die Strukturdaten sind schlecht. Ich kann auf Vorhandenem aufbauen, aber wer neu anfängt, muss sich ein eigenes Bild machen." Sie hat auch "Lichtblicke" seit Mitte der neunziger Jahre entdeckt, die leider durch die schwarzen Wolken der Bankenkrise wieder verdunkelt werden. Will sagen, sie ist instruiert über den Kurswechsel, den Annette Fugmann-Heesing (SPD) eingeleitet und den Peter Kurth (CDU) fortgesetzt hat. Drei Aufgaben liegen für sie auf der Hand in den paar Monaten bis zu Neuwahlen: Kassensturz, Neuordnung der Bankgesellschaft, Abschluss der Verhandlungen über den Finanzausgleich. Ob es einen Nachtragshaushalt geben wird, weiß sie noch nicht: "Ich muss mir das ab Montag ansehen." Montag wird sie Kurth in ihr Haus einweisen, Amtsübergabe nennt man das. Und die Frage nach den CDU-Staatssekretären ist rasch weggedrückt: "Ich lerne sie doch am Montag erst kennen."

Das klingt alles sehr freundlich, routiniert, gewandt und verständig. Aber sie hat ja auch einschlägige Erfahrung, weiss als Saarländerin, was Finanznot ist, und kennt ihre Länderkollegen. Seit 1990 war sie bei Oskar Lafontaine Ministerin für Gesundheit und Soziales, seit 1994 für Wirtschaft und Finanzen. Nach dem Wahlsieg der CDU endete 1999 ihre Minister-Karriere. Seither war die studierte Volkswirtin freiberuflich für ein Industrie-Unternehmen tätig. Aber sie will sich nicht Unternehmensberaterin nennen, das klingt zu großartig für "die zwei konkreten Projekte, die ich umgesetzt habe".

Frau Krajewski hatte jedenfalls im Gegensatz zu einigen SPD-Abgeordneten aus dem Osten keine "Bauchschmerzen", weil der rot-grüne Minderheitssenat mit Hilfe der PDS gewählt wurde: "Die Stadt muss weiter zusammenwachsen, eine Partei mit dieser Bedeutung im Osten kann man nicht dauerhaft ausgrenzen." Das hat Oskar Lafontaine schon lange gesagt.

Irgendwann wird sie nach Hause müssen, um einen großen Koffer zu packen. Aber nicht jetzt. Jetzt hat sie mit dem fliegenden Wechsel zu tun. "Ich brauche ein Laptop, ein Handy und eine freundliche Sekretärin, von mir aus auch einen Sekretär, das ist es", meinte sie, kaum gewählt. Der Ehemann, Ministerialdirigent im saarländischen Kultusministerium, mit dem sie seit 32 Jahren verheiratet ist, muss einsehen, dass sie ein paar Monate bleiben wird, mindestens. Die Söhne werden sie nicht vermissen, sie sind schon 30 und 27. Und wer nach den Neuwahlen regiert, wer weiß: "Neues Spiel, neues Glück. Ich stehe zunächst für die Übergangszeit zur Verfügung." So lange bewohnt sie ein Zimmer im Senatsgästehaus, wo schon viele Senatoren von auswärts Unterschlupf fanden. Ganz recht, dort, wo am 7. Juni die SPD die Große Koalition zerbrach.

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