• Machtwechsel in Berlin: Klaus Wowereit - Kein Revoluzzer, aber ein Taktiker mit Wagnis-Potenzial

Berlin : Machtwechsel in Berlin: Klaus Wowereit - Kein Revoluzzer, aber ein Taktiker mit Wagnis-Potenzial

Brigitte Grunert

Mut hat er, Mut zum Risiko. Mut ist über Nacht zu seinem Markenzeichen geworden. So schnell kann es gehen mit der Imagebildung. Am Sonntag war SPD-Fraktionschef Klaus Wowereit sehr glücklich. Der SPD-Parteitag dankte es ihm überschwänglich mit minutenlangen Ovationen, dass er seine Partei aus den Fesseln der CDU befreit hatte. Was er sagte, war nicht wichtig. Und dass er rhetorisch nicht glänzte, fiel gar keinem auf. Aber dass er die Mutprobe des rot-grünen Aufbruchs wagte, damit wärmte er die Herzen seiner Genossen.

Zwei Tage vor seiner möglichen Wahl zum Regierenden Bürgermeister sind Wowereits braune Augen noch kleiner. Der Mann hat seinen Stress, er hat kaum noch geschlafen, ein Termin zur Vorbereitung der Senatsbildung jagt den anderen, die Mehrheit wackelt. Das Ende der Großen Koalition nach zehn Jahren einzuläuten, war leicht, der Aufbruch zu neuen Ufern ist schwer.

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Fototour: Die Bilder der Krise Wer ist der Mann, dem noch kürzlich nur sieben Prozent der Berliner bescheinigen, sie könnten ihn sich als Regierenden Bürgermeister vorstellen? Ein Revoluzzer ist er ganz gewiss nicht, sondern ein kühler Machttaktiker, aber konsequent im Denken und Handeln. Keiner vom rechten Flügel der SPD, keiner vom linken Flügel, aber einer der weiß, wie er sich Freunde macht. Unmerklich hat er seine Fraktion auf Linie gebracht, und das blitzschnell. Erst seit Dezember 1999 ist er Fraktionschef. Seither sind die fraktionsinternen Grüppchen einfach verblasst. Liebenswürdig weiß er die Seinen zu umgarnen. Bevor die SPD im Januar in Fraktionsklausur nach Rostock reiste, hatte Wowereit das Hotel persönlich inspiziert. Alle fühlten sich wunderbar wohl, und nie gab es einen so fröhlichen SPD-Familienabend wie bei dieser Tagung. In einer Ecke saß Wowereit und lächelte entspannt - beinahe ein wenig zynisch.

Nicht einmal die Machtstrategen der CDU haben rechtzeitig bemerkt, wohin Klaus Wowereit wollte, als am 8. Februar die große Koalitionskrise ausbrach, weil die Parteispendenaffäre um Klaus Landowsky bekannt wurde. Ob Wowereit damals schon wusste, dass er die Koalition platzen lassen wollte, wird man nie erfahren. Er redet ja gern in Rätseln. "Ich bin froh, wenn wir die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt treffen", sprach die "Sphinx" noch kurz vor dem "historischen" Mittwochabend vor einer Woche im Senatsgästehaus, als die SPD der CDU die Scheidung verkündete. Da saß Wowereit zunächst stumm in der Koalitionsrunde; kein Wort richtete er an die CDU-Spitzen.

Klaus Wowereit ist eine typische Berliner Pflanze. Insofern gehört er zum Schlag der Landespolitiker mit West-Berliner Werdegang: geboren in Tempelhof, wohnhaft in Tempelhof, Jura-Studium an der FU, Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof, Stadtrat in Tempelhof - 1995 der Sprung ins Abgeordnetenhaus. Sofort wurde er stellvertretender Fraktionschef, die "kuschellinke Hand" Hand von Klaus Böger. Sofort gab er für die SPD im Hauptausschuss den Ton an. Mit großem Elan unterstützte er den Haushaltskonsolidierungs- und Modernisierungskurs von Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing. Dieser Kurs war bei der CDU wie SPD schwer durchzusetzen.

Als Klaus Böger Senator wurde, setzte sich Wowereit als Fraktionschef gegen einen Gegenkandidaten namens Hermann Borghorst durch. Auch das glückte ihm, ohne dass es jemand recht merkte. Spielerisch ging er zu Werke, ganz entspannt, immer mit der liebenswürdigen Behauptung: "Ich muss das nicht werden, mal sehen." Alle dachten, Borghorst hätte die stärkeren Truppen. Er zog den Kürzeren und ist inzwischen gar nicht mehr in Berlin.

Was Wowereit von der alten Politiker-Garde unterscheidet, ist erstens, dass er einer jüngeren Generation angehört. Er ist erst 47; sein dunkles Haar durchziehen die ersten weißen Fäden. Er verkörpert auch nicht den Sozialdemokraten vom alten Schlag, zwei rechts, einer links, ein Gewerkschafter. Zweitens war er nie in innerparteiliche Machtkämpfe verstrickt und hat noch in keinem Amt schwer wiegende Fehler gemacht. Das ist auch der Grund, warum er im innersten Zirkel der SPD früh zum heimlichen Spitzenkandidaten wurde. Aber das weiß man natürlich erst heute. Er bindet ja nie jemandem mehr auf die Nase, als unbedingt sein muss.

Wowereit ist kleiner Leute Kind. Das hören die Seinen traditionell gern. Er war das Jüngste von fünf Geschwistern, die die Mutter als Gartenbauarbeiterin durchbringen musste. Ehrgeiz, Selbstdisziplin, Intelligenz, kultiviertes Auftreten zeichnen ihn aus. Der Mann bringt es fertig, selbst nach einem langen Stress-Tag noch wie aus dem Ei gepellt herumzulaufen und einen amüsiert entspannten Eindruck zu machen. Ja, bekennender Schwuler ist er nun auch, seit sein Privatleben öffentlich ist.

So wie mit seinen Genossen geht er auch mit der Presse um - liebenswürdig, kontaktfreudig, kultiviert. In seinem Fraktionsbüro stehen Blumen über Blumen, und wenn er Journalisten zum Plausch bittet, so außerhalb der offiziellen Pressekonferenzen, ist der Tisch aufs Liebevollste mit Häppchen und Kuchen gedeckt; manchmal mit Selbstgebackenem. Wowereit ist Hobby-Koch.

Als die Krise vor Ostern zu wabern begann, sagte Wowereit eine Bildungsreise nach Amerika ab. Man hätte sich wundern sollen. Keiner vermutete, dass etwas passieren würde. Aber Wowereit war der Erste, der Landowskys Rücktritt als Fraktionschef forderte. Keiner in der CDU merkte, dass es ihm todernst war mit seinem knallharten Credo: Entweder Landowsky geht, oder wir setzen Neuwahlen durch. Das war nicht gepokert, es war die Realität von Klaus Wowereit. Er besorgte sich einen einstimmigen Parteitagsbeschluss; Landowsky ging. Damit war eigentlich die Koalitionskrise vorbei, wie er sagte. Doch nun kam die "Krise der Stadt" mit dem Milliarden-Bedarf der Bankgesellschaft und den Milliarden-Folgen für den Not leidenden Landeshaushalt. Wieder legte Wowereit der CDU die Daumenschrauben an, ehe sie es richtig mitbekam. Und als die Aktion Neuwahlen der Grünen, der PDS und der FDP angekündigt wurde, zog er alle Register. Dem Mann war klar, das nun "die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit" fällig war. Sonst wären zu viele von der SPD-Basis zu den Unterschriftensammlern gelaufen.

Nun ist der Taktiker Wowereit mit Rückenwind von der Basis und der Rückendeckung der sehr einigen Parteispitze bis 100 Meter vors Ziel gekommen. Der Endspurt wird zur eigentlichen Mutprobe. Es kann auch ein chaotischer Sonnabend werden.

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