Berlin : Machtwechsel in Berlin: Steffel - der Herzbube der Berliner CDU

Ulrich Zawatka-Gerlach

Eberhard Diepgen reißt sich zusammen, wenn er vor Kameras und Mikrofonen steht. Doch in der CDU-Fraktionssitzung am Dienstag machte er aus seinem Herzen keine Mördergrube. "Die Lage ist beschissen", klagte der Landesvorsitzende der Union. Dass ihn die eigene Partei nicht fallen lässt, bevor er von Rot-Grün abgewählt wird, tröstet Diepgen ein wenig. Der Landesvorstand der Jungen Union hat ihn sogar aufgefordert, die CDU in den Wahlkampf zu führen. Auch der Kampfgefährte aus alten Zeiten, Peter Kittelmann, will Diepgen als CDU-Spitzenkandidaten. Aber das zählt jetzt nicht mehr.

Der (noch) Regierende Bürgermeister und CDU-Landesvorsitzende wird dem CDU-Landesvorstand und der Parlamentsfraktion am Sonntagnachmittag mitteilen, dass er nicht wieder zur Verfügung steht. Nach der Aussortierung realer und virtueller auswärtiger Kandidaten, von Wolfgang Schäuble über Volker Rühe bis Rita Süssmuth, will sich die Berliner CDU auf die eigenen, frischen Kräfte besinnen. 1981, als Richard von Weizsäcker der verfilzten, ausgebrannten SPD die Regierungsmacht wegnahm, "da hatte die Sehnsucht noch einen Namen", sinniert ein Berliner CDU-Vorstandsmitglied. Diesmal hilft kein illustrer Name, die jungen Leute müssen ran.

Zum Thema Online Spezial: Das Ende der Großen Koalition
Anfang vom Ende: Die Finanzkrise in Berlin
TED: Soll der Regierende Bürgermeister direkt gewählt werden?
Fototour: Die Bilder der Krise In den Startlöchern stehen zwei, die den innerparteilichen Wettbewerb um die Spitzenkandidatur sehr diskret austragen: Der Finanzsenator Peter Kurth und der neue CDU-Fraktionsvorsitzende Frank Steffel. Kurth: geboren 1960 in Siegburg, gelernter Banker und Verwaltungsmann, seit 1994 Finanz-Staatssekretär, seit 1999 Finanzsenator. CDU-Ortsvorsitzender in Charlottenburg-Nord. Steffel: geboren 1966 in Berlin, Diplom-Kauffmann, Unternehmer, CDU-Kreisvorsitzender in Reinickendorf. Die politische Karriere des zurückhaltenden, feinen Kurth wäre im Frühjahr 1999 beinahe beendet worden, von einer rechtskonservativen Parteitruppe in Wilmersdorf. Die CDU-Führung musste energisch helfen. Sonst wäre Kurth längst gut bezahlter Unternehmensberater und für die CDU verloren.

Erst nach langem Zaudern entschloss sich Diepgen vor zwei Jahren, den exzellenten Fachmann in die Landesregierung zu befördern. Doch Nachfolger des langjährigen Regierungschefs sollte, aus Diepgens und Klaus Landowskys Sicht, der forsche Steffel werden. So war es seit langem für 2004 geplant, jetzt wird der Union eine verfrühte Personalentscheidung aufgezwungen. Zwar loben die meisten Christdemokraten Kurths Hochleistungen als Finanzsenator. Auch die Kultur- und Hochschulpolitiker und der liberale Minderheitsflügel schätzen sein Engagement für eine weltoffene Bildungs- und Integrationspolitik. Aber - er verkörpert nicht die Seele der Partei.

Kurth tröstet nicht die Wilmersdorfer Witwen, geht nicht mit den Laubenpiepern Bier trinken und wärmt nicht die Herzen der CDU-Stammwähler in Gropiusstadt. Die Parteimehrheit will Steffel. Selbst in Kurths Heimat-Kreisverband Charlottenburg-Wilmersdorf stehen viele hinter dem CDU-Fraktionsvorsitzenden. Diepgen hat in dieser Frage nur einen engen Handlungsspielraum. Einsame Entscheidungen kann der CDU-Landeschef ohnehin nicht mehr treffen. Die Kungelrunden tagen ständig, Diepgen ist mit Kurth und Steffel im Dauergespräch. Die drei sollen sich einigen, im Benehmen mit der Bundespartei.

Steffel ist als CDU-Fraktionschef nach Diepgen der wichtigste Mann in der Berliner CDU geworden. "Mich treibt nicht der persönliche Ehrgeiz um", behauptet er. Aber er hat Blut geleckt. Und aus Sicht der Parteibasis macht Steffel seine Sache ausgezeichnet. Er peitscht ein - gegen Rot-Grün. "Er sagt, was Sache ist", meint ein wichtiger Parteifunktionär. Die Zustimmung für ihn läuft in der CDU querbeet. Nicht gebunden an Kreisverbände, Parteiflügel und Fraktions-Kungelkreise. Wenn er SPD/Grüne/PDS als "Irrsinn" bezeichnet, fliegen ihm die Herzen zu. Steffel, der Herzbube der Berliner CDU. Er kann auch anders. Nachdenklich sein, über den Tellerrand der Landes-CDU hinausschauen. "Wir werden ihn pflegen und aufbauen; auf längere Sicht fahren wir mit ihm besser", sagt ein älterer Parteifreund.

0 Kommentare

Neuester Kommentar