Berlin : „Madre mia“ und das böse F-Wort

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Gegen Favoriten wie Spanien hat die Fangemeinde im Charlottenburger Pub „Irish Harp“ ein Rezept: Kampfesstimmung und Teamgeist. Vor dem Spiel stärkt Kellnerin Vanessa diese Qualitäten mit irischem Frühstück: Spiegeleier mit Speck, Bratwürstchen und jede Menge irisches Bier gehen über die Theke. Die Siegesgewissheit ist groß. „Das ist das erste Mal, dass das spanische Team einen starken Gegner hat“, meint David aus dem englischen Yorkshire, der seinen irischen Freund Joe Smith aus Dublin unterstützen will. Seit 20 Jahren lebt Flugzeugingenieur David in Berlin. „Eigentlich wollte ich nach Amerika auswandern, aber das Bier war da einfach zu schlecht“, sagt er. Ehe David seine ganze Lebensgeschichte erzählen kann, unterbricht ihn Freund Joe: „Wollt ihr hier das ganze Spiel schwatzen?“

Kaum ist die irische Hymne verklungen, brandet der erste Applaus durch das Publikum. Viele sind in grünen Trikots, manche auch mit orangenen Perücken zur Verstärkung ihres Teams im koreanischen Suwon angetreten. David tippt auf ein 1 : 1 und ein Golden Goal in der Verlängerung – natürlich für die Inselgrünen.

Die Stimmung ist gut, bis in der achten Minute das erste Kopfballtor der Spanier am irischen Keeper vorbei ins Netz fällt. „How the F…“, ruft David in die Runde – wie zum Teufel konnte das passieren? Und das böse F-Wort zischt durch die versammelte Menge. Davids Frage bleibt unbeantwortet. Joe Smith sitzt wie angewurzelt auf seinem Barhocker. So hatte er sich den Auftritt der Außenseiter nicht vorgestellt. Es ist still geworden im Gedränge.

In der 24. Minute stockt derAtem ein weiteres Mal, als wieder ein Ball im irischen Tor landet. „Jesus“, ruft David. Aber es gibt Entwarnung. Immerhin: Die Abseitsfalle der Iren funktioniert. Vanessa bahnt sich einen Weg durch die Fanmassen. Sie hat ein Frühstück in der Hand, aber sie wird es nicht los. Vermutlich ist allen der Appetit vergangen.

Hoffnungsvoll beginnt die zweite Halbzeit. Im spanischen Strafraum scheitert Kilbane einen Meter vor der Torlinie am spanischen Gegenspieler. „Der Ball ist heiß“, ruft David. Die Zuschauermenge beklatscht das Einwechseln von Neil Quinn. „Der Mann ist eine Legende“, sagt David. „Der ist in Irland so bekannt wie Guinness.“ Die Raumtemperature im „Irish Harp“ steigt unaufhörlich.

Dann hilft der Schiedsrichter mit einem Elfmeter. Doch Ian Harte und scheitert am spanischen Torhüter. In der 89. Minute verwandeln die Iren den zweiten Elfmeter zum 1:1-Ausgleich. Joe reißt es vom Hocker. Im Stehen verfolgt er die Verlängerung. „Es wird kein Elfmeter-Schießen geben“, verspricht er, „wir machen das Golden Goal“. Doch er behält unrecht. Spaniens Sieg tut der Kampfesstimmung dennoch keinen Abbruch. „Wir sehen uns 2006“, sagt Joe Smith – „im Finale“. Stephan Wiehler

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